Zen im Zug oder Genieren auf Japanisch
Nach zwei Wochen Stadt und Land in Japan kann ich resümierend feststellen, dass die Kampagne der Wiener Linien zum Wohlverhalten im öffentlichen Verkehr ein durchschlagender Erfolg war. In Japan. Die Frage „Host kan Genierer!?“ müssen sich die 123 Millionen Einwohner Nippons allerdings gar nicht stellen. Wohlverhalten dürfte ihnen irgendwie genetisch implantiert worden sein. Essen auf der Straße ist tabu. Vollkommen unvorstellbar, dass jemand Beziehungskrisen oder Speisepläne per Lautsprecher-Funktion in der U-Bahn hinausposaunt. Die Menschen in Japan telefonieren nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln; sie sehen sich Insta-Videos tonlos oder mit Kopfhörern an; Handys sind prinzipiell auf lautlos gestellt, und alle Gespräche auf Flüsterton.
Diese akustische Diskretion konnte ich auch im Straßenverkehr bemerken. Angeber-Auspuff? Gibt es nicht. Entweder werden diese motorischen Brunftröhren in Japan mit hohen Gefängnisstrafen geahndet, oder aber alle wissen, dass man sich damit keine Freunde macht. Hupen? Habe ich in zwei Wochen kein einziges Mal gehört. Ganz im Gegenteil konnte ich beobachten, dass ein Polizeiwagen mit Blaulicht (das in Japan rot ist) sich seinen Weg durch eine Fußgängerzone bahnte, allerdings ohne Sirene. Jedem Menschen, der Platz machte, nickte die Fahrerin höflich zu. Ähnliches geschah im Shinkansen, dem legendären Hochgeschwindigkeitszug. Wenn der Zugbegleiter durch den Waggon schreitet, dreht er sich vor dem Verlassen desselben um, verbeugt sich vor den Fahrgästen und geht dann seines Weges. Man stelle sich dieses Ritual bei einem ÖBB-Schaffner vor!
Peinliche Langnasen
Überhaupt gehört das Verneigen zum japanischen Alltag. Es ersetzt Händeschütteln, Begrüßungen, Entschuldigungen und Verabschiedungen. Man berührt einander in Japan nicht. Händchenhaltende Paare sind unbekannt. Kein Wunder, dass die Geburtenrate eine der niedrigsten der Welt ist. Wenn sich alle immer nur Verneigen, führt das irgendwann zur Überalterung der Gesellschaft. Für einfache Touristen wie Frau Freund und mich hat das allgemeine Wohlverhalten allerdings große Vorteile. Man stelle sich vor, 123 Millionen Menschen wären auch noch laut! Allerdings ist es für Außenstehende nicht leicht, alle Codes und Verhaltensregeln zu verstehen. In Tokio zum Beispiel steht man links auf der Rolltreppe, in Ōsaka rechts. Irgendetwas macht man als Langnase immer falsch, und es gibt stets einen Grund, sich zu genieren.
Nach zwei Wochen Wohlverhalten, Zurückhaltung, Diskretion, Flüstern und Verbeugen ... hatten wir dann auch mal genug. Noch am Flughafen in Schwechat sind Frau Freund und ich bei Rot über die Kreuzung gegangen. „Das fühlt sich gut an!“, schrie Frau Freund. „Fantastisch!“, brüllte ich zurück. Autos hupten, irgendwer schimpfte beim Fenster raus, wir aber verschlangen unsere Leberkas-Semmeln ohne Stäbchen und ließen unsere rot-weiß-roten Herzen im Dreivierteltakt schlagen. Extra laut.
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