Bedeutung des Deutens: Die Geheimsprache beim Autofahren
Manchmal sagt ein Finger mehr als tausend Worte. In unserem Dorf kommt das vor. Hier wird nicht nur gesprochen, hier wird gedeutet. „’s Deit’n“, erklärt Frau Freund, „ist die eigentliche Amtssprache. Die Kinder lernen es neben Orts- und Flurnamen bereits in der Volksschule.“
Am klarsten zeigt sich das beim Autofahren
Wer im Ort unterwegs ist, befindet sich nicht im Straßenverkehr, sondern in einem fortlaufenden Pantomime‑Workshop. Es beginnt mit dem klassischen Kinnzucker: Das Kinn kurz heben, kaum sichtbar, nur für Eingeweihte. Bedeutung: „Hab dich gesehen, passt schon.“ Dann der Einfingergruß, der Zeigefinger löst sich vom Lenkrad: „Servas.“ Zwei Finger: „Griaß di, freut mich.“ Ganze Hand: „Freut mich sehr.“ Winken mit zwei Händen: „Ich liebe dich.“
Frau Freund ist auf dem Land aufgewachsen und beherrscht dieses Alphabet fließend. Ich komme aus der Stadt und bin über das Buchstabieren noch nicht hinaus.
„Was bedeutet es, wenn mir niemand etwas deutet?“, frage ich. Sie schaut mich an, als hätte ich eben gefragt, was Höchststrafe heißt. „Das bedeutet: Entweder bist du zugezogen, oder du fährst ein Leihauto.“ Ich nicke ehrfürchtig und winke dem nächsten Vorbeifahrenden. „Zu spät“, sagt sie. „Und zu viel.“ Ich notiere innerlich: Deut‑Alphabet, Lektion eins: Timing. Lektion zwei: Ökonomie.
Neulich hat Frau Freund begonnen, das Ganze statistisch zu analysieren. „Wenn du jemanden mit zwei Fingern grüßt und er nur mit einem zurück“, sagt sie, „ist das eine Beziehungskrise, verstehst du?“ Ich nicke, hebe das Kinn und versuche, zweifingrig zu lächeln.
Noch nie hatte ich so viele Freunde wie in der Zeit, als ich mit dem alten Suzuki herumfuhr, den ich einem sehr beliebten Mitbürger abgekauft hatte. Ich wurde permanent gegrüßt, geradezu umjubelt.
Gegrüßt werden ja nicht die Menschen, gegrüßt werden Autos
Ich grüße mittlerweile auch alle, aber meist nur durch Kinnheben. Wenn Frau Freund im Auto nachfragt, wer das war, sage ich: „Keine Ahnung. Aber besser einmal zu viel deit als einmal zu wenig.“
Manchmal stelle ich mir vor, wie das alles in einer Großstadt aussähe. Hunderttausend Menschen, die gleichzeitig mit Fingern, Kinn und Augenbrauen kommunizieren, während sie im Stau stehen. Vermutlich käme es zum Zusammenbruch des öffentlichen Lebens. Hier am Land dagegen läuft es erstaunlich reibungslos.
Die Geheimsprache des Deutens beschränkt sich allerdings nicht auf den Straßenverkehr. Im Wirtshaus gibt es das Glasdeuten (leeres Glas leicht anheben: „Nachschub!“), das Uhrdeuten (unauffällig aufs Handgelenk tippen: „Wir sollten gehen, bevor die Blasmusik wieder anfängt“) und das Blickdeuten von Frau Freund, wenn ich zu laut über Lokalpolitik rede (ein Augenrollen, und ich verstumme). Sie behauptet, das sei zu meinem Schutz. Ich vermute, sie hat recht.
Also winke ich ihr mit beiden Händen zu und hoffe, dass sie das als Liebeserklärung ... deutet.
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