Nach Falken-Drama: Überraschende Entdeckung in den Baumkronen
Um uns herum war es stockdunkel, tiefer Wald, wir standen an. Vor uns ein Fußweg, etwa halb so breit wie unser Auto. Das Navi sagte beharrlich: „Weiter geradeaus!“ Der Lieblingsmann sagte: „Sicher nicht.“ Ich: „Wir müssen weiter!“ Er: „Nein, das ist der Stoff, aus dem die Schlagzeilen sind – ,Lkw steckte in Tunneleinfahrt’ oder ,Auto in See gelenkt’. Und wieso? Weil’s das Navi gesagt hat. Hier. Ist. Schluss.“
Aber Schluss war keine Option
Wir waren eineinhalb Stunden gefahren und hatten einen Turmfalken im Kofferraum.
Den Vogel hatten wir bei der Waldarbeit verschreckt und flugunfähig über den Weg hüpfen gesehen. Drei Stunden später gingen wir noch einmal hin, und da er nach wie vor an derselben Stelle saß, nahmen wir ihn mit.
Die Tierärztinnen staunten kurz über den neuen Patienten (hier auf dem Land behandelt man eher Rinder und Pferde, Hunde und Katzen). Aber obwohl es bereits Abend und nach Ordinationsschluss war, untersuchten sie den Falken von Kopf bis Schwanzfeder.
Nicht gebrochen, nur verstaucht
Dann stellten sie einhellig fest: „Tier geschwächt, aber beide Flügel unversehrt, nichts gebrochen, eventuell verstaucht.“ Sie halfen uns mit Kontakten aus, und schließlich fand ich einen Platz in einem Wildtierauffangzentrum, in dem wir auch in der Nacht ankommen durften.
So packten wir den Vogel, der uns inzwischen ans Herz gewachsen war, wieder in die improvisierte Falkentransportbox und fuhren los – bis wir eben im finsteren Wald anstanden und das Navi auch nicht weiter wusste.
Wir kehrten dann tatsächlich um. Aber wir suchten weiter. Und es war ein ganz besonderer Lichtblick, als uns eine Taschenlampe entgegenleuchtete. Eine Tierpflegerin des Naturschutzzentrums, das wir suchten, hatte im Finsteren unsere Autoscheinwerfer bemerkt und kam uns entgegen. Sie übernahm den Vogel, zeigte uns, wo er untergebracht und gepflegt werde und versprach anzurufen, sobald er fit sei, damit wir ihn abholen und wieder auswildern könnten.
Dann fuhren wir heim. Unsere Vorfreude war bereits riesig. Transportbox und Transportdecke hielten wir griffbereit, um jederzeit losfahren zu können.
Vor drei Tagen dann das Telefonat ...
Unser Falke sei leider gestorben, konnte nicht fressen und sei zu geschwächt gewesen aufgrund einer Infektion.
Damit hatten wir nicht gerechnet. Kurz wurde es um uns herum stockdunkel. Wir standen an. Aber wir standen wieder auf und beschlossen weiterzumachen. Unser Wille, für die Natur da zu sein, ist ungebrochen. Nur unsere Seelen sind verstaucht.
Denn als wir den Obsthof übernahmen, dachten wir, wer Streuobstwiesen betreut, hat mit Bäumen zu tun. Und es tut ganz schön weh, wenn etwa einer von ihnen dem Schneebruch zum Opfer fällt. Wir hängen an jedem. Dass wir aber eines Tages auch an einem Vogel hängen würden, war nicht geplant.
Doch das Leben meint es gut hier: Am Tag nach dem Anruf entdeckten wir ein Nest in den höchsten Baumkronen vorm Haus. Dann sahen wir einen Turmfalken und eine Turmfalkin dort landen.
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