Mario Adorf: Er spielte die charmantesten Schurken
Der Böse in der Badewanne: Mario Adorf als Generaldirektor Heinrich „Heini“ Haffenloher in der legendären deutschen TV-Serie „Kir Royal“ von Regisseur Helmut Dietl.
„Schauen Sie mal böse!“, befahl Hollywood-Regisseur Robert Siodmak dem damals noch unbekannten Schauspieler Mario Adorf. Und Mario Adorf schaute böse und immer böser. Zufrieden mit dem Resultat, besetzte ihn Siodmak als angeblichen Serienmörder Bruno Lüdke in seinem legendären Noir-Krimi „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957). Siodmak war auf Adorf in den Münchner Kammerspielen aufmerksam geworden, wo dieser in dem Stück „Die Caine war ihr Schicksal“ auftrat, allerdings ohne auch nur ein Wort zu sprechen. Seine Aufgabe bestand lediglich darin, ein Protokoll in die Schreibmaschine zu tippen, doch tat er das mit so großer Intensität, dass Siodmak beschloss, ihn eines Tages zu besetzen.
„Nachts, wenn der Teufel kam“ wurde für den Auslandsoscar nominiert und machte Mario Adorf schlagartig berühmt. Trotzdem haderte er mit seiner Durchbruchsrolle: Forschungen hatten ergeben, dass Lüdke Opfer der NS-Justiz geworden war und womöglich keinen einzigen der ihm unterstellten Morde begangen hatte. Mario Adorf distanzierte sich von der Rolle. Doch die Meisterschaft im böse Schauen war ihm geblieben.
Literaturverfilmung: Mario Adorf in der Stefan-Zweig-Adaption „Schachnovelle“ (1960).
Damit habe er kein Problem, wie er einmal in einem KURIER-Interview erzählte: „Ich persönlich hatte nie etwas gegen Bösewichte. Gerade am Theater sind das die begehrtesten Rollen: Jeder will den Jago, den Franz Moor oder Richard III. spielen. Ich fühlte mich auch nie auf eine Rolle festgelegt.“
Charmante Schufte
Tatsächlich verkörperte Mario Adorf in seiner langen Karriere über 200 höchst unterschiedliche Rollen, wenngleich gerade seine charmanten Schufte ganz besonders in Erinnerung blieben. Schon im deutschen Nachkriegskino der späten 1950er-Jahre machte er als typischer Halbstarker Randale: „Ich will jetzt ’n schicken Wagen fahren. Ich will jetzt die Welt ansehen ... und nicht erst, wenn ich anfange, mit dem Kopf zu wackeln!“
Als Chef einer Jugendbande hielt er die Polizei mit Überfällen auf Trab: „Am Tag, als der Regen kam“ (1959) von Gerd Oswald erzählt im düsteren Noir-Look einen Krimi aus Westdeutschland im Schatten des Kalten Krieges.
„Der große Bellheim“: Wirtschaftskomödie um die deutsche Wendezeit mit Adorf als Kaufhauschef.
Im selben Jahr entstand übrigens mit „Das Totenschiff“ unter der Regie des österreichischen Regisseurs Georg Tressler ein weiterer Vorzeigefilm. Adorf spielt darin an der Seite von Horst Buchholz, ebenfalls Star des deutschsprachigen Nachkriegskinos. Die große Karriere ins internationale Jetset war dem Schauspieler keineswegs in die Wiege gelegt. Geboren 1930 in Zürich, wuchs er als Sohn einer deutschen Näherin in Mayen in der Eifel auf, musste aber aufgrund der ärmlichen Verhältnisse auch einige Jahre im Waisenhaus verbringen. Dort stand er als Vierjähriger erstmals auf der Bühne und spielte eine stumme Rolle als siebter Zwerg in „Schneewittchen“. Seinen Vater, einen italienischen Arzt, sah er nur ein einziges Mal für zehn Minuten.
Nach der Matura wollte er Schauspiel studieren und bewarb sich an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Beinahe wäre er durchgefallen, schaffte es aber dank des Intendanten der Münchner Kammerspiele, der zwei Eigenschaften an ihm schätzte: „Kraft und Naivität“.
Von 1955 bis 1962 gehörte Mario Adorf zum Ensemble der Kammerspiele, doch ab dann war er Filmstar – abonniert auf Bösewichter. Als er 1963 in „Winnetou“ als Halunke Santer Winnetous Schwester Nscho-tschi erschoss, bekam er es mit seinem Publikum zu tun. Noch lange Jahre, erzählte Adorf amüsiert in Interviews, wurde er mit dem Vorwurf konfrontiert: „Dass du die Nscho-tschi erschossen hast, das habe ich dir lange Jahre nicht verziehen.“
Deutsch-österreichischer Western in Starbesetzung: Adorf in „Der letzte Ritt nach Santa Cruz “(1965).
In den 1960er-Jahren drehte der Trotz-allem-Publikumsliebling Western quer durch Europa bis hin in die USA unter der Regie von Sam Peckinpah. Doch fand eine mögliche Hollywood-Karriere ein schnelles Ende: „Meine erste Rolle war die eines Mexikaners“, erzählte Adorf dem KURIER. „Es dauerte nicht lange, und die zweite Rolle, die man mir anbot, war wieder die eines Mexikaners, und die dritte auch. Da hab’ ich gesagt: ,Das ist nicht mein Bier.‘“ Da kehrte er schon lieber nach Europa zurück und spielte in Meilensteinen des neuen deutschen Films – wie den miesen Kommissar in Volker Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) oder Oskar Matzeraths Nazi-Stiefvater in „Die Blechtrommel“ (1979).
Filmgeschichte: Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ in der berühmten Verfilmung von Volker Schlöndorff.
Das langt jetzt
Zu seinen legendärsten Szenen, die nicht nur eingefleischte Fans gerne zitieren, zählt sein Auftritt in Helmut Dietls Kultserie „Kir Royal“. Mario Adorf schrieb TV-Geschichte, als er als reicher Fabrikant im weißen Bademantel dem Klatschreporter Schimmerlos mitteilte: „Ich scheiß’ dich so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast.“ In breitem, rheinischem Dialekt klang das dann so: „Isch scheiß dich sowatt von zu mit meinem Jeld, dass de keine ruhije Minute mehr hast.“
Anlässlich seines 95. Geburtstags im September 2025 sprach Mario Adorf davon, dass es für ihn schon mal den Punkt gab, wo er sich dachte: „Das langt jetzt.“ Nun ist er nach kurzer Krankheit in Paris gestorben.
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