Lektion 29: Wenn einen die Wahlheimat kaltlässt
In Österreich ist die Kälte-Kleidungsstück-Korrelation simpel: Je tiefer die Temperaturen, desto dicker das Gewand. In Großbritannien ist Kleidung situationsabhängig. „Magst du dich nicht für den Strandspaziergang fertigmachen?“, kam an einem klirrenden Wintertag die Frage an den britischen Partner, als er mit Shorts im Vorzimmer stand. Aber er sei doch bereit, erklärte er. Bei langen Hosen bestünde bloß die Gefahr, dass sie nass würden.
Das Kopfschütteln am Weg zum Auto wurde nur durch das Kopfschütteln am Strand übertroffen, als der britische Partner die nackten Zehen in den Ärmelkanal steckte. Mit seiner Kälteresilienz ist er aber nicht alleine. Kaltwasserschwimmen ist in Großbritannien mit dem Lockdown zum Volkssport geworden. Die Raumtemperatur ist hier mit 18 Grad im Winter um mindestens zwei Grad kälter als in Österreich. Und 93 Prozent der Briten konsumieren Eis das ganze Jahr über.
Klare Sicht
Schnitt zur aktuellen Tasmanienreise. Der Sand in Orford glitzert weiß durch die Bäume, die Sonne ist trotz Morgenstunde kräftig, die Bucht windstill. Perfekt für eine Schwimmrunde. Doch beim Waten ins transparente Meer beobachten uns Einheimische am Strand überrascht. Erster Panikgedanke: Ist das ein Privatstrand? Aber die Familie, die ihre Kajaks vorbereitet, ist auch mit dem Auto gekommen. Panikgedanke 2: Gibt es hier Haie? Doch dann wäre die Familie kaum mit Kindern unterwegs. Sicherheitshalber fragen wir nach. Der Tasmanier lacht. „Wir konnten nur nicht glauben, dass ihr ohne Neoprenanzug ins Wasser geht.“ Nach ein paar Jahren nimmt man wohl auch die Schrulligkeiten der Wahlheimat an.
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