Europa musss großes Interesse an einem demokratischen Iran haben
Auch in der iranischen Diaspora (hier in Den Haag) schlummert Potenzial.
Der Krieg zwischen Israel und Iran sowie die Angriffe der USA haben die Spannungen im Nahen Osten auf eine neue Eskalationsstufe gehoben. In Europa richtet sich der Blick dabei vor allem auf Sicherheitspolitik, das Atomprogramm und die Gefahr weiterer regionaler Destabilisierung. Eine entscheidende Frage gerät jedoch in den Hintergrund: Was geschieht, wenn das gegenwärtige System im Iran endet und ein Land mit fast 90 Millionen Menschen vor der Aufgabe steht, eine neue politische Ordnung aufzubauen?
Europa kann etwas bieten, das weltweit selten ist: Erfahrung im demokratischen Wiederaufbau nach autoritären Systemen. Nach 1945 lagen große Teile Europas politisch, wirtschaftlich und moralisch in Trümmern. Demokratie entstand nicht von selbst, sondern wurde gezielt aufgebaut. Durch neue Verfassungen, politische Bildung, Aufbau demokratischer Verwaltungen und die Einbindung in internationalen Institutionen. Auch wirtschaftlich war der Neustart organisiert: Der Marshallplan stabilisierte zerstörte Volkswirtschaften und verhinderte soziale Krisen. Heute erscheint dieser demokratische Aufbau selbstverständlich, doch er war das Ergebnis strategischer Planung, internationaler Kooperation und langfristiger Investitionen.
Negar Schmölz-Roubani.
Wenn über die politische Zukunft Irans gesprochen wird, folgt oft der Einwand, westliche Modelle ließen sich nicht einfach übertragen. Dabei wird übersehen, dass der Iran selbst über tief verwurzelte politische und kulturelle Traditionen verfügt, die Anknüpfungspunkte für eine offene Gesellschaft sind. Diese Bezugnahme prägt ein tief verwurzeltes modernes Selbstverständnis der iranischen Bevölkerung, das sich in weiten Teilen klar gegen die heutige islamistische Staatsideologie richtet.
Diese historische Identität verbindet sich mit einer modernen Realität: der starken Orientierung vieler Iraner an westlichen Ideen von Bildung, Freiheit und Demokratie. In Abgrenzung zur arabischen Welt wird die religiöse Begründung politischer Macht offen abgelehnt. Während der brutal niedergeschlagenen Januar-Demonstrationen hat sich die Wut gegen das Mullah-Regime auch an Moscheen und islamistischen Institutionen entladen. Frauen treiben einen gesellschaftlichen Wandel voran, den der Staat auch mit brutaler Gewalt nicht stoppen kann.
Ablehnung des Regimes
Dieser Widerstand ist Ausdruck eines tief verankerten Wunsches nach einem freien Leben und klarer Ablehnung des Regimes. Kaum ein anderes Land im Nahen Osten hat über Jahrzehnte so viele hoch qualifizierte Menschen hervorgebracht – und verloren. Die iranische Diaspora gehört zu den bestausgebildeten und international am stärksten vernetzten. Sie könnte beim Aufbau neuer Strukturen eine Schlüsselrolle spielen. Sie bildet ein globales Netzwerk aus Expertise, Erfahrung und politischem Engagement.
Für den Iran könnte dieses Potenzial entscheidend werden. Demokratischer Übergang würde nicht in einem intellektuellen Vakuum stattfinden. Er würde auf einer Gesellschaft aufbauen, die historisch tief verwurzelt ist und gleichzeitig global vernetzt. Für Europa ist diese Perspektive nicht nur eine moralische Frage, sondern auch eine strategische. Steigende Energiepreise, Inflation und wirtschaftliche Unsicherheit wirken sich unmittelbar auf die Innenpolitik der EU-Staaten aus. Populistische und rechtsextreme Bewegungen profitieren genau von diesen Krisendynamiken. Stabilität im Nahen Osten ist deshalb auch eine Frage der langfristigen politischen Stabilität in Europa selbst.
Entscheidende Lehre
Die Lehre aus Europas Geschichte ist, dass ihre Stärke im Aufbau ziviler, diplomatischer und institutioneller Strukturen liegt. Das Angebot eines breiten, international begleiteten demokratischen Aufbauprozesses nach einem Sturz des Mullah-Regimes wäre ein starkes solidarisches Zeichen für die iranische Bevölkerung und die globale Bedeutung Europas. Konzepte für wirtschaftlichen Wiederaufbau könnten zentrale Bestandteile einer solchen demokratischen Vision sein. Dies würde auf fruchtbaren Boden treffen – in einer Gesellschaft, die Bildung, Freiheit und Demokratie hoch gewichtet.
Demokratische Systeme entstehen nicht über Nacht. Sie entstehen durch Ideen, Zusammenarbeit und internationale Partnerschaften. Europa hätte an dieser Vision nicht nur Eigeninteresse, sondern auch historische Erfahrung, die kaum eine andere Region der Welt besitzt.
Zur Autorin:
Negar Schmölz-Roubani ist Referentin für Menschenrechte im EU-Parlament (European Greens).
Kommentare