Stellantis-Krise: Die Folgen der verfrühten E-Strategie
Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben. Diese Weisheit muss auch Antonio Filosa, Chef des Autokonzerns Stellantis (Fiat, Chrysler, Peugeot, Citroën) zur Kenntnis nehmen. Sein Vorgänger im Amt, Carlos Tavares, hatte voll auf Elektromobilität gesetzt und Milliarden investiert. Doch er war seiner Zeit voraus. Die Kunden greifen weiterhin primär zu herkömmlichen Antrieben bzw. bestenfalls Hybriden.
Die Folgen für den Konzern: Filosa muss 22 Milliarden Euro auf die Investitionen in E-Antriebe abschreiben. In Folge wird es für 2025 zu einem Bilanzverlust in der Spannweite von 19 bis 21 Milliarden Euro kommen.
Die Abschreibungen seien die Folge dessen, dass Stellantis das Tempo des Übergangs von Benzin- und Diesel- zu Elektroantrieben überschätzt habe, „was uns von den Bedürfnissen, Möglichkeiten und Wünschen vieler Autokäufer in der realen Welt entfernt hat“, räumte Filosa ein. Der Wandel lasse sich nicht befehlen, sondern müsse der Nachfrage folgen. Er sprach von einem Neustart. Es gehe darum, die Produktpalette an die Nachfrage anzupassen. Seine Pläne will er im Mai vorstellen.
US-Geschäft als Achillesferse
Ursprünglich hatte Tavares geplant, dass der Konzern bis 2030 in Europa keine Verbrenner mehr baut. In den USA sollte mindestens die Hälfte der Flotte mit E-Antrieb verkauft werden. Als der Umsatz in Nordamerika, dem wichtigsten Markt für Stellantis, um 15 Prozent einbrach, musste Tavares gehen. Der Marktanteil sank dort auf acht Prozent, so tief wie noch nie in der Firmengeschichte.
Die Aktionäre – allen voran die Fiat-Gründerfamilie Agnelli – gehen nun leer aus. Eine Dividende wird für 2025 nicht gezahlt. Die Stellantis-Aktie brach in Mailand um bis zu 24 Prozent auf den tiefsten Stand seit der Fusion von Fiat-Chrysler und PSA 2021 ein. Für heuer hofft Filosa auf Umsatzzuwächse von rund fünf Prozent und operativ schwarze Zahlen.
Reaktionen
Analyst Pedro Pacheco vom Beraterhaus Gartner warnte, dass Stellantis und andere Hersteller Gefahr liefen, sich nun zu weit von der E-Mobilität abzuwenden. „Es gibt eine Überreaktion in Bezug auf die strategische Neuausrichtung“, sagte er. „Sie müssen diesen Weg gehen und die Dinge richtig machen, denn ihr Überleben könnte davon abhängen.“ Die Schweizer Bank UBS hat die Einstufung für Stellantis mit einem Kursziel von zwölf Euro auf „Kaufen“ belassen. Die Abschreibung sei heute eine negative Nachricht. Sie könnte allerdings das reinigende Gewitter darstellen, auf das man gewartet habe.
Stellantis ist nicht der erste Autobauer, der seine Elektro-Ambitionen deutlich zurückschraubt. Die US-Konkurrenten Ford und General Motors (GM) hatten sich wegen der Politik der US-Regierung unter Donald Trump und der schwachen Nachfrage nach E-Autos von ihren ehrgeizigen Plänen für batteriebetriebene Modelle verabschiedet. Ford schrieb 19,5 Milliarden Dollar ab, GM sechs Milliarden. Insgesamt hat die falsche Strategie der Branche alleine im Vorjahr weltweit bereits mehr als 45 Milliarden Euro gekostet.
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