Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
11/01/2019

Zum fairen Dialog zurückkehren

Begegnen wir Mitmenschen im echten Leben doch lieber gleich wertschätzend, als sie erst posthum zu würdigen.

von Martina Salomon

Zu Allerheiligen über den Tod reden? Das ist nicht falsch, weil er zu allen anderen Zeiten im Jahr eher ausgeklammert wird. Sprechen wir heute dennoch über das Leben. Wie oft liest man in den sozialen Medien über einen Verstorbenen: „Ich wollte mich noch bei ihm melden, jetzt ist es leider zu spät.“ Nicht zufällig kursiert ein neues Modewort: „Achtsamkeit“. Klingt nach Sesselkreis und Birkenstockschlapfen (halt – die sind ja auch schon länger Trend). Ernsthaft mit Leben erfüllt wird es selten.

Bieten wir dem einsamen, verwitweten Nachbarn Hilfe an? Fragen wir die kranke Kollegin, wie es ihr geht? Behandelt man den überlasteten Kellner freundlich, auch wenn man zufällig selbst gerade gestresst ist?

Beleidigen und beleidigt sein

Und diskutieren wir unterschiedliche Meinungen respektvoll aus? Lieber nicht oder nur heimlich im Netz, dort dafür aber gerne in aller Niedertracht. Das ist möglicherweise auch eine Folge davon, dass immer mehr Menschen glauben, ihre Meinung nicht mehr offen äußern zu können. Tatsächlich kann es sein, dass Eliten aus Medien und Politik ein Klima geschaffen haben, in dem abweichende Ansichten, vor allem zur Migrationspolitik, gebrandmarkt werden. Andererseits ist nicht jedes schlecht gelaunte Posting schon eine wertvolle Meinungsäußerung. Auch wir im KURIER löschen Unqualifiziertes, um dafür nicht rechtlich belangt zu werden oder weil wir Beleidigungen nicht einfach stehen lassen.

In Zeiten anonymer Schimpforgien müssen wir vielleicht wieder lernen, fair zu diskutieren. Natürlich trifft das auch auf die Politik zu. Dummerweise gibt es nicht auf alles eindeutige Antworten. Siehe aktuell die Debatte um das sogenannte Saudi-Zentrum in Wien. Das kann ein Ort des Dialogs sein, um das leider sehr schwache Pflänzchen der Liberalität auch im arabischen Raum zu stärken. Ist das Zentrum aber eine Propagandastelle für menschenverachtende Politik, wie sie in Saudi-Arabien praktiziert wird (und wovon wir selbst meilenweit entfernt sind), dann sollte es geschlossen werden – aber nicht kurzfristig aus rein populistischen Gründen.

Andererseits hat sich Österreich immer als Dialog-Drehscheibe verstanden. Wer in der internationalen Politik Verständigung fördern will, wird zwangsläufig auch mit Andersdenkenden reden müssen. Wobei wir uns dabei ruhig selbst an der Nase fassen und auch innerhalb des Landes für ein vernünftigeres Gesprächsklima sorgen sollten. Es scheint, als ob die vorkoalitionären Sondierungsgespräche diesbezüglich einen guten Beitrag leisten. Mehr Achtsamkeit, weniger moralische Abwertung, die ja meist auch eine moralische Selbstüberhöhung ist, ist gefragt. Es wäre zu traurig, Menschen erst nach ihrem Ableben mit Wertschätzung zu betrachten.