Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
12/31/2019

Wir wunderten uns, was alles möglich war

Was für ein Jahr! Zack, zack, zack wurde alles anders: Von der Regierung über die Aufregerthemen bis zu den Omas.

von Martina Salomon

2019 startete mit einer festgefügten, türkis-blauen Koalition, die sich hoher Beliebtheit erfreute und endet nun mit der Aussicht auf ein europäisches Avantgarde-Projekt: Türkis-Grün. Gerade sprach man noch vom Jahrzehnt der Rechtspopulisten, jetzt fragen wir uns, ob die Grünen europaweit der Sozialdemokratie den Rang ablaufen. Was auch damit zu tun hat, dass das Migrationsthema von einer etwas kopflosen Klima-Panik abgelöst wurde. Omas werden jetzt absurderweise in einem Atemzug mit "Umweltsau" genannt. "Ok Boomer" ist das Schimpfwort des Jahres der Millennials gegen die Babyboomer-Generation. Auch eine Art von Klimavergiftung.

Apropos: Der Nationalratswahlkampf verwüstete (wieder) das politische Klima – auch ein schwieriges Erbe für die Grünen. Am 26. August schrieb Werner Kogler auf Facebook: "Mit dieser türkisen Schnöseltruppe streben wir keine Koalitionsregierung an. Das geht nicht." Beim Bundeskongress am 4. Jänner muss diese Kurve nun (quietschend) gekratzt werden. Das Twitter-Empörium, die Donnerstagsdemonstranten und das Wiener Rathaus müssen sich ebenfalls inhaltlich neu orientieren. Wer wird das Feindbild Türkis-Blau ablösen?

Jahr der Haudrauf-Politiker und der Frauen

Und wieder einmal hat ein Jahr gezeigt, wie die Meinungselite irren kann. Boris Johnson hat die Wahl überraschend klar gewonnen und zieht den Brexit durch. Donald Trumps Wiederwahl wird mit jeder medialen Aufregung über seine Eskapaden wahrscheinlicher. Johnson hat bewiesen, dass er ein Populist und Wirrkopf, aber kein Trottel ist. Wird er es schaffen, ein echter Staatsmann zu sein? Twitterpräsident Trump wiederum hat mit seiner oft erpresserische Haudrauf-Politik seinem Land bisher wirtschaftlich nicht geschadet.

Apropos Wirtschaft: Vor einem Jahr hätte sich niemand vorstellen können, dass wir sogar für Privatkonten Minuszinsen debattieren. Und dass Angela Merkel noch immer Kanzlerin ist, wenn auch eine schwache. Ansonsten war es ein Jahr der Frauen: Ursula von der Leyen als neue EU-Kommissionspräsidentin, Brigitte Bierlein als Übergangskanzlerin. Demnächst wird es auch in Österreich eine Verteidigungsministerin und in Summe viele starke, junge Frauen in der Regierung geben.

Es war auch das Jahr des Bundespräsidenten. "Das wird fad", hatte ihn unser Karikaturist zu Amtsbeginn sagen lassen. Davon konnte heuer wahrlich keine Rede sein. Da war mehr Feuer und Rauch (in jeder Hinsicht) als erwartet. "Sie werden sich noch wundern, was alles gehen wird", hat Norbert Hofer 2016 gesagt. Wer hätte gedacht, dass er recht behalten würde? 2020 darf ruhig ein bisschen weniger turbulent werden (wobei: Medien profitieren genau von solchen Zeiten). Guten Rutsch!