Martin Gebhart

© Christandl Jürg

Leitartikel
03/17/2020

Wie Corona die Wertigkeiten ändert

Das Virus hat unserem Alltag ein neues Gesicht verpasst. Damit ändern sich Wertigkeiten und Perspektiven.

von Martin Gebhart

Mit den rigorosen Beschränkungen, die uns die Bundesregierung im Kampf gegen das Coronavirus auferlegt hat, wurde dem Alltagsleben ein neues Gesicht verpasst. Die persönliche Welt ist kleiner geworden, die eigenen vier Wände sind für die meisten Menschen plötzlich der Horizont. Wir geben uns zwar dem Stakkato der weltweiten Hiobsbotschaften rund um das Virus im Internet und Fernsehen hin, kämpfen aber damit, wie wir ziemlich isoliert diesen neuen Alltag bewältigen. Angesichts der Strenge der Maßnahmen werden auch Wertigkeiten in den Blickpunkt gerückt, die bisher – weil selbstverständlich – eher ignoriert wurden. Und so manche Berufsgruppe wird nun auch in einem anderen Licht gesehen.

Beispiel eins: die Mitarbeiter im Lebensmittelhandel, vom Lagerarbeiter bis hin zur Kassierin an der Supermarktkassa. Sie sind es, die im Verkauf die Lebensmittelversorgung aufrechterhalten. Sie mussten in der Vorwoche die Hamsterkäufe abwickeln, und sie sind auch jetzt noch ein entscheidender Teil des öffentlichen Lebens, das in den meisten anderen Bereichen auf null zurückgeschraubt worden ist.

Beispiel zwei: die Putztrupps, die sich um die verschiedenen öffentlichen Einrichtungen, die noch in Betrieb sind, kümmern müssen. Von ihnen wird erwartet, dass sie beim Reinigen und Desinfizieren so sorgfältig vorgehen, dass das Virus an diesen Orten keine Chance hat. Zum Schutz der Mitarbeiter und der wenigen Besucher.

Beispiel drei: die Milizsoldaten, denen vor wenigen Monaten vielfach keine entscheidende Rolle im Staat zugesprochen worden war. Teilweise von Ökonomen, teilweise auch von so manchem Militärexperten. Im Jahr 2013 sollte die Miliz sogar der Idee eines Berufsheeres geopfert werden. Das Volk entschied damals in einer Abstimmung anders: für den allgemeinen Grundwehrdienst und damit auch für die Miliz. Die Corona-Krise gibt dieser Entscheidung im Nachhinein recht. Derzeit dürfen Grundwehrdiener und Zivildiener nicht abrüsten, weil sie als Unterstützung gebraucht werden. Und wenn der Ausnahmezustand noch länger andauert, könnten erstmals in der Zweiten Republik sogar Milizsoldaten eingezogen werden.

Die drei Beispiele mögen willkürlich erscheinen, schon gar nicht sind sie vollständig. Aber sie zeigen, wie das Coronavirus Tag für Tag Wertigkeiten und Perspektiven ändert, wie es Dinge wieder ins Bewusstsein rückt, die davor von der Schnelllebigkeit aufgefressen wurden. Das Virus richtet sehr, sehr viel Schaden und Leid an, auf allen Ebenen. Und Österreich wird lange brauchen, um sich davon zu erholen. Es wird aber hoffentlich auch dafür sorgen, dass die Menschen ihre Lebensweise ändern. Und Erkenntnisse sowie Blickwinkel aus der Zeit der Krise in den zukünftigen Alltag miteinfließen.