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Meinung
11/02/2019

Werden die Grünen die neue, linke Volkspartei?

Türkis-Grün könnte spielverändernd sein. Österreich bekäme eine zweite Linkspartei, die regierungstauglich ist.

von Daniela Kittner

55 Prozent der Gesamtbevölkerung wollen nicht, dass die SPÖ in Regierungsverhandlungen eintritt.

Dreißig Prozent finden, dass unter dem derzeitigen roten Spitzenpersonal gar niemand in der Lage ist, die SPÖ zu führen. Pamela Rendi-Wagner traut nur ein schlappes Viertel der eigenen Anhänger zu, die Partei zu retten – und Doris Bures, die als Rendis Nachfolgerin in Stellung gebracht wird, wird auch nicht mehr zugetraut. Bures statt Rendi würde rein gar nichts bringen.

Das Problem geht über die Personalfrage hinaus. Laut OGM-Umfrage gilt die SPÖ in der Bevölkerung als wenig zukunftsorientiert, kaum lernfähig, sie spricht unverständlich und oft über die falschen Themen.

Geht’s eigentlich noch schlimmer? Wenn vom Personal über die Inhalte bis zur Sprache so gar nichts passt, sollte Alarmstufe Rot angesagt sein. Viele SPÖ-Funktionäre scheinen jedoch den Ernst ihrer Situation immer noch nicht zu begreifen. Allzu oft hört man, die SPÖ brauche nur zu warten, bis die Grünen mit Sebastian Kurz eine Koalition bilden, dann würden die Grün-Stimmen automatisch wieder der SPÖ in den Schoß fallen.

Mag schon sein, dass Türkis-Grün, so es zustande kommt, eine Brez’n reißt. So etwas ist nie auszuschließen. Aber es ist genauso gut möglich, dass es funktioniert. Man sollte die Professionalität eines Sebastian Kurz und eines Werner Kogler nicht unterschätzen, die wissen auch, wo die Gefahren lauern und werden nicht blind in ihr Verderben hineinlaufen.

Sollte Türkis-Grün aber reüssieren, könnte das spielverändernd sein. Dann würden sich die Grünen in den Augen der Bevölkerung als Regierungspartei etablieren und der SPÖ diese Rolle streitig machen. In einigen Bundesländern ist das schon politischer Alltag.

Durchaus möglich, dass sich die Grünen zu einer linken Volkspartei entwickeln. Die Zeitläufte deuten in diese Richtung. Vor 20, 30 Jahren gab es noch haufenweise rote Stammwähler, die ab und zu mit einer Stimme für die Grünen fremdgingen, bei EU-Wahlen oder so, wenn es „um nichts ging“. Man leistete sich einen grünen Luxus. Doch die roten Stammwähler sterben weg, und parallel wachsen grün sozialisierte Generationen heran. Die geben ihre Stimme vielleicht manchmal der SPÖ, aber sie wollen gewonnen werden. Automatisch geht da nichts.

Rote Verdienste

Viele SPÖler empfinden ihr Schicksal als ungerecht. Und ja, die Sozialdemokratie ist eine großartige politische Bewegung, und sie ist zu Recht stolz darauf, wie sehr sie das Leben für die Menschen verbessert hat.

Seit geraumer Zeit wirkt die SPÖ aber erschöpft. Vielleicht braucht sie einfach einmal eine Pause, um gründlich über sich und die neue Welt nachzudenken.