Meinung
05.08.2018

Wer kann klare Kante und feine Klinge?

Die Flüchtlingspolitik beweist die Macht der Worte – und wie sie uns dominieren und kontaminieren.

Asylwerber, Flüchtling, Migrant, Schutzsuchender oder Zuwanderer? Ab wann sprechen wir von Flucht? Und ist selbige mehr, weniger oder eben nicht legitimiert, wenn sie aus ökonomischen Motiven geschieht? Wer sein Land ob Armut und Hunger verlässt, ist streng genommen gar kein Flüchtling. Zumindest gemäß Genfer Flüchtlingskonvention von 1951. Als Flüchtling ist eine Person zu bezeichnen, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, ... oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt ...“

In großen Teilen Afrikas herrscht Dürre, nicht nur Krieg. Die Afrikaner, die jetzt über Spanien gen Norden wollen, werden von Politik wie Medien dennoch landläufig als „Flüchtlinge“ bezeichnet. Die Differenzierung bleibt aus. Und damit das Verständnis, worum es drei Jahre nach Ende der „Willkommenskultur“ geht. Wer zwischen Flüchtling und Migrant zu unterscheiden weiß, kann den politischen Plänen, so es sie denn überhaupt gibt, eher folgen. Bei den jüngsten Vorschlägen der EU-Spitzen stieg jedoch kaum einer mehr durch, stattdessen eine Vielzahl an Menschen aus.

Von „Anlandezentren“ vulgo „Ausschiffungsplattformen“ in Drittstaaten ist da die Rede. Und von „Transferzentren“ zwischen Deutschland und Österreich, die zwischenzeitlich gar „Transitzentren“ heißen sollten.

Statt klarer Kante kommen krude Kreationen. Entweder weiß man sich nichts („Ausschiffungsplattform“) oder das falsche („Asyltourismus“) unter den Begriffen vorzustellen. Der Grat zur Geschmacklosigkeit verläuft schmal, der Nachgeschmack bleibt. Kaum waren insbesondere CSU-Granden wie Heimatminister Horst Seehofer und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder für den Begriff „Asyltourismus“ gescholten, erfand die FPÖ den „Schächttourismus“. Fake statt Fakten.

„Nehmt Eure Sprache ernst.“

Friedrich Nietzsches Satz sei insbesondere an Politiker adressiert, denn ihnen wird am meisten Gehör geschenkt. Sprache konstruiert nicht nur Wirklichkeit – sie kontaminiert sie auch. Das wissen Politiker wie Wähler nicht erst, seit die Sprachwissenschaft die Disziplin des „Framing“ erschaffen hat.

Als Innenminister Herbert Kickl Anfang 2018 Asylwerber „konzentriert an einem Ort“ halten wollte, Kanzler Sebastian Kurz im Juni die „Achse der Willigen“ (Kurz wurde für den Terminus Achse kritisiert, da es eine Achse Berlin-Rom im 2. Weltkrieg gab) postulierte, wurde offenbar: Die Botschaft der Message-Controller ist für einige nicht ein- sondern mehrdeutig. Und damit gefährlich. „Das wird man wohl noch sagen dürfen“, sagen die einen und zeihen die anderen, „Sprachpolizei“ zu sein.

Sprachsensibel sollten wir sein. Alle. Und uns erinnern, dass es Worte und Phrasen gibt, die man schlicht nicht sagt. Weil sie denunzieren, degradieren, disqualifizieren. Und weil manche aus einer Zeit stammen, die niemand vergessen darf.johanna.hager