Leitartikel
06/23/2021

Wer fürchtet sich vorm Regenbogen?

Ungarns Gesetz gegen Homosexualität ist eine Schande, das UEFA-Verbot des Regenbogens ist feig. Denn Sport ist natürlich politisch

von Richard Grasl

Ungarns Gesetz zum Verbot homosexueller Darstellung in der Öffentlichkeit ist ein Skandal und widerspricht fundamental den Werten, die Basis eines gemeinsamen Europas sind. Grundrechte und Toleranz unterscheiden uns von vielen anderen Regionen der Welt, die uns zwar wirtschaftlich gerade überholen, besser digitalisiert sind oder über mehr Rohstoffe und Reichtum verfügen. Aber wenn die gemeinsame Wertebasis, die humanistische Tradition  unseres Kontinents seit Voltaire, Goethe oder Humboldt wackelt, dann wankt auch Europa. Das sollte man Ungarn noch viel klarer machen, als das bisher der Fall war. Wem das nicht passt, kann ja gehen. Und besser  gar nicht kommen, so wie Orbán, der seine Reise zum Spiel in München abgesagt hat. Gut also, dass die EU-Kommission ein Verfahren gegen das Budapester Gesetz eingeleitet hat. Und gut, dass Österreich sich (zwar erst  nach ein paar quälenden Schreckstunden) einer Petition von  EU-Staaten angeschlossen hat, die dieses verurteilen.

Peinlich ist, was die UEFA, also der Europäische Fußballverband, in dieser Frage aufführt. Sie hatte ja verboten, die Münchner Allianz-Arena in den Regenbogenfarben zu beleuchten. Sie wolle per se unpolitisch sein, begründete die UEFA diesen Schritt, da sich die Beleuchtung konkret gegen Ungarns Politik gewandt hätte. Dass sie vor der EURO eine Kampagne für mehr Toleranz gestartet hatte, lässt die Entscheidung in einem zynischen Licht erscheinen.

Natürlich ist Sport politisch und soll es für die richtige Sache auch sein. Stars sind Vorbilder für Millionen  und können Missstände zum Thema machen. In den USA knien Footballer gegen rassistische Polizeigewalt nieder. Wenn Tennis-Star Naomi Osaka über Überlastung klagt, wird das zur Frage, wie groß der Druck auf junge Menschen mittlerweile geworden ist. Dominic Thiem setzt sich mit Bändern am Handgelenk  für die Rettung der Weltmeere ein. Natürlich muss über den Boykott der WM in Katar diskutiert werden. Und warum sollte nicht Klimaschutz Ziel für den Sport sein  – dann sollte man aber kein Turnier veranstalten, bei dem Millionen Meilen zwischen Baku, Glasgow und St. Petersburg geflogen werden.

Wenn die UEFA den Regenbogen zugelassen hätte, dann hieße das nicht, dass man jede radikale Idee der LGBTIQ-Bewegung teilt. Das würde vielen Fans und Stars zu weit gehen. Aber gegen konkrete Gesetze, die Grundrechte abschaffen, muss man Zeichen setzen. Daher wäre es richtig, explizit  gegen Ungarn zu protestieren, statt dieses Argument als Ausrede zu verwenden, um die heiße Kartoffel nicht fangen zu müssen. Schon Charlie Chaplin hat frei übersetzt gesagt: Wer den Regenbogen sehen will, darf nicht wegschauen. Aber weil das Gute ja meist siegt, ist durch die Feigheit der UEFA die Debatte um das Gesetz der Schande erst so richtig in den Blickpunkt gerückt.

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