© REUTERS/PASCAL ROSSIGNOL

Leitartikel
07/27/2021

Welche Freiheit?

Man kann gegen Impfen sein – mit „Freiheit“ hat das nichts zu tun. Mit mangelnder Solidarität schon. Die muss man dann eben anders üben

von Andreas Schwarz

In Frankreich sind zuletzt mehr als 160.000 Menschen auf die Straßen gegangen, um für die „Freiheit“ und gegen die „Diktatur“ zu demonstrieren – nein, Parlament und Verfassung werden nicht abgeschafft im Land von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Regierung hat nur getan, was auch anderswo kommen wird/muss: Sie hat eine Impfpflicht für Gesundheitspersonal beschlossen, eine 3G-Regel für nahezu alle öffentlichen Bereiche (geimpft, genesen, getestet) – und wer sich nicht impfen lassen mag, der muss für Tests, die ihm die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichen, zahlen.

Impfen ist das Gebot der Stunde. Nur so, das ist eine der wenigen Einigkeiten unter Corona-Experten, lässt sich den Delta- und anderen Varianten begegnen. Vielleicht lassen sich Impfmuffel ja zum Stich bewegen, wenn das Leben ohne teuer wird – oder in die Abgeschiedenheit führt.

Bis sie dort sind, gehen Corona-Leugner und Impfgegner auf die Straße und haben auch nichts dagegen, wenn sie von „Querdenkern“, verhaltensauffälligen Klerikalen, linken Chaoten und rechten Verschwörungstheoretikern begleitet werden: Hauptsache dagegen, unter dem Deckmantel von „Freiheit, Freiheit“, in Frankreich, in Italien, in den Niederlanden – Lust an Chaos und Anarchie stacheln einander grenzüberschreitend an. Und schließen Ratio oder Kopfarbeit aus.

Weil sonst dürfte man die Krakeeler schon fragen: Was für eine „Freiheit“ ist gemeint? Die Freiheit, sich selbst und vor allem alle anderen letztlich der Freiheit zu berauben?

Es haben schon jene, die sich in den vergangenen eineinhalb Jahren nicht an Maßnahmen im Kampf gegen das Virus gehalten haben, die Garagenparty/Großhochzeits/ Freikirchen-Feierer, mit dafür gesorgt, dass in der Folge Verschärfungen und Lockdowns das öffentliche Leben abgewürgt haben. Mit allen Folgen für Wirtschaft und Psyche. („Mit dafür gesorgt“, weil eine überwiegend orientierungslose Politik das Ihrige dazu getan hat.) Aber gibt es nur die Freiheit, die man sich nimmt? Endet sie nicht dort – einer der Grundsätze des Zusammenlebens –, wo sie die des anderen einschränkt? Oder, wie es Frankreichs Präsident Emmanuel Macron formulierte: „Die Freiheit, bei der ich niemandem etwas schuldig bin, gibt es nicht.“

Einer, der sich im Gegensatz zu der „Freiheit“ rufenden Ich-Gesellschaft mit Freiheit auskennt – weil er sie lange missen musste –, ist der frühere DDR-Epidemiologe Siegwart Bigl, der in der Zeit schreibt: Ja, es wäre ein Eingriff in die Freiheit, wenn sich jeder immunisieren lassen müsste, aber es würde viel neue Freiheit bringen.

Anders ausgedrückt: Solidarität führt zu Freiheit; Egoismus zum Gegenteil. Wer sich nicht impfen lassen will, muss eben auf andere Art Solidarität üben (für Tests zahlen, zu Hause bleiben). Proteste jedenfalls besiegen das Virus nicht.

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