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Gastkommentar
10/05/2020

Warum jeder etwas zu verbergen hat

Wir sollten unser Recht auf Privatsphäre nicht allzu leichtfertig aufgeben. Sonst geht es uns wie Max Mustermann

Max Mustermann ist Teamleiter in einer oberösterreichischen Versicherung. Er hat ein kleines Haus am Stadtrand von Linz, eine Frau, zwei Kinder und einen Hund. Seine Freunde würden ihn als netten, ruhigen Menschen beschreiben. Er ist ein absoluter Normalbürger.

Max arbeitet in keiner politischen oder sicherheitsrelevanten Position. Und dennoch hätte Max Mustermann viel zu verlieren, würde seine Privatsphäre verschwinden: Er hat jahrelang eine schlecht ausgebildete Bekannte, die plötzlich von ihrem Mann verlassen wurde, unter der Hand als Putzfrau beschäftigt, um ihr über die Runden zu helfen.

Die Freundin von Max hat schon einmal mit ihm ein erotisches Foto gemacht und er hat im Internet nach gewagteren sexuellen Vorlieben gesucht. Seine Tochter ist Pflichtverteidigerin und hat in ihrer Jugend in Boutiquen gestohlen, wurde bestraft und hat sich danach gebessert. Würde diese Information öffentlich, wäre ihre Karriere als Anwältin in Gefahr.

Über die von Max vergebenen Online-Kommentare, Likes, Facebook-Chats und Suchverläufe lassen sich Schlüsse über seine politische Orientierung ziehen. Mit dem Vorschlagen oder Vorenthalten von Nachrichten kann er in Folge manipuliert werden.

Würde sein Gehalt öfters nicht ausreichen, könnte ihn eine Versicherung als Kunden ablehnen oder weil er z. B. auf der Autobahn 140 fährt, seine Prämie erhöhen. Genauso wie jeder Bürger hat auch Max Mustermann also etwas zu verbergen und zu verlieren.

Von Snowden lernen

Mit dieser Thematik kennt sich auf dieser Welt vermutlich Edward Snowden am besten aus. Von ihm stammt folgendes zutreffendes Zitat: „Zu argumentieren, dass Sie keine Privatsphäre brauchen, weil Sie nichts zu verbergen haben, ist so, als würden Sie sagen, dass Sie keine Meinungsfreiheit brauchen, weil Sie nichts zu sagen haben.“

Privatsphäre muss außerdem nicht unbedingt bedeuten, etwas zu verbergen – so gut wie jeder Mensch schließt bei einem privaten Gespräch die Tür des Raums, pflanzt Eiben oder Bäume an der Grenze des eigenen Gartens und zieht Rollläden zu, um den zutiefst privaten Lebensbereich vor neugierigen Blicken zu schützen.

Warum sollte für das digitale Leben etwas anderes gelten? Wer nicht will, dass der eigene Nachbar etwas mitbekommt, der kann auch nicht wollen, dass fremde Personen, der Arbeitgeber oder der Staat das sehen. Die Vorteile des Datensammelns sind zudem fragwürdig: Ein unabhängiges Forschungsinstitut in den USA, die New America Foundation, hat in einer Studie, die 255 Terrorismusfälle ausgewertet hat, herausgefunden, dass die Ermittlungen meistens durch traditionelle Strafverfolgungs- und Fahndungsmethoden angestoßen worden seien. Das Telefondaten-Sammeln der NSA habe „keinen erkennbaren Einfluss auf die Verhinderung von Terrorakten gehabt“.

Zu glauben, nichts zu verbergen zu haben, ist ein Trugschluss. Jeder kann bedeutend werden. Und selbst, wenn man ganz gewöhnlich ist: Jeder Mensch verdient eine zweite Chance und nicht, sein Leben lang gebrandmarkt zu sein. Dafür muss man die eigene Privatsphäre schützen.

Christopher Gusenbauer studiert Wirtschaftsinformatik und ist selbstständiger Unternehmer.

 

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