Meinung 05.12.2011

Verratene Familien

Nachbessern ist angesagt: Die Regierung wird die Einschnitte im Familienbereich abmildern. Das ist vernünftig. Aber es löst das Grundproblem nicht.

Im internationalen Vergleich ist Österreich Nachzügler - vor allem bei der Geburtenrate, aber nicht nur dort. Im UNICEF-Bericht 2010 zur Lage der Kinder in Industrieländern ist bloß Rang 14 drin, weit nach den Spitzenreitern Niederlande, Schweden, Finnland, auch deutlich hinter Polen, Tschechien, Portugal (bewertet wurden sechs Bedingungen für eine gute Lebensumwelt von Kindern und Jugendlichen). Das Ergebnis zeigt die Defizite, obwohl Österreich jährlich 8,5 Milliarden Euro für Familien ausgibt. Es ist wie im heimischen Schulwesen: Die Politik begnügt sich mit Mittelmaß; Unsummen an Steuergeld werden ausgeschüttet. Das Ergebnis: matt bis nicht genügend. Der Befund ist nicht neu. Und es geht nicht nur ums Geld. Seit einem Vierteljahrhundert reden die Regierungschefs (Vranitzky, Klima, Schüssel, Gusenbauer, Faymann) und ihre FamilienministerInnen von der Wichtigkeit der Familienpolitik. Sie beschwören ein abstraktes Ideal. Das wissen alle Mütter und Väter, die z. B. eine vernünftige, leistbare Ganztagesbetreuung für ihren Nachwuchs suchen. Es gibt kaum öffentliche Unterstützung für moderne Lebens-, Beziehungs- und Erwerbsformen. Stattdessen wird ein Familienbild konserviert, das schon in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts überholt war. Da hat auch die ÖVP (sie ist seit 1987 ununterbrochen in der Bundesregierung) versagt. Sie feiert sich in Bund und Ländern als Familienpartei. Doch die Bürgerlichen sind Opfer ihrer Rhetorik und Gefühlsduselei. Dass einige ÖVP-Politiker nun nach einem Kurswechsel rufen, zeigt eine späte Einsicht. Bemerkenswert etwa die jüngsten Worte von Andreas Khol, dem emeritierten schwarzen Chefideologen: "Man muss eingestehen, dass die Familienpolitik gescheitert ist. Das Motto 'mehr Geld für Familien bedeutet mehr Geburten' war nicht erfolgreich." - So lange es nur starke Worte, aber schwache Ergebnisse gibt, wird die Lage der Familien nicht besser.

Erstellt am 05.12.2011