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Meinung
09/11/2020

Verbrechen vor aller Augen

Putin & Co. wollen Teil der zivilisierten Welt sein – und sind es nicht

von Andreas Schwarz

Wladimir Putin ist einer der mächtigsten Männer der Welt. Was die Mächtigsten in fast rührender Einfalt eint, ist die Sehnsucht nach wirklicher Anerkennung. Die durch das Volk sowieso. Aber darüber hinaus hat der russische Langzeitpräsident lange die Annäherung an Europa gesucht, wollte als großer Staatenlenker, Weltordner und Demokrat, soweit das nach russischer Façon möglich ist, respektiert und geschätzt werden.

Auch sein kleineres Pendant in Weißrussland (Belarus) ist aus demselben Holz geschnitzt: Alexander Lukaschenko wollte sich aus der postsowjetischen Umklammerung Moskaus lösen und nach Westen ausrichten, konnte sich aber nie von seinem autokratischen Stil lösen. Durch die seit Wochen anhaltenden Proteste in seinem Land fühlt er sich „menschlich beleidigt“.

Im Westen darf man sich auch menschlich beleidigt fühlen! Und zwar von der Unverfrorenheit, mit der der Eine wie der Andere das Menschenrecht vor aller Augen mit Füßen tritt. Die Krim annektieren oder in Syrien an der Seite eines Schlächters Krieg führen, daran haben wir uns gewöhnen müssen, an gefälschte Wahlen wie jetzt in Minsk auch. Aber Kritiker vergiften oder verschwinden lassen, heute noch da, vor Kameras und in den Wohnzimmern der Welt, morgen halb tot oder weg, das raubt einem den Atem.

Verhasste Regimegegner

Nein, natürlich ist nicht bewiesen, dass Wladimir Putin den Auftrag gab, den Oppositionellen Alexej Nawalny mit Nowitschok ins Jenseits zu befördern. Es kann auch „nur“ der Geheimdienst in vorauseilendem Gehorsam den Mordversuch ausgeführt haben (an einen „anderen Geheimdienst“ glaubt nur die völlig kaputte „Linke“ in Deutschland). Der Anschlag reiht sich aber in eine Reihe von Morden und Mordversuchen an verhassten Regimegegnern – die ein Wladimir Putin, der im Selbstverständnis alles kann, nicht verhindern kann??

Die Entführung und versuchte Zwangsdeportierung der weißrussischen Oppositions-Ikone Maria Kolesnikowa wiederum ist zweifelsfrei mit Wissen und/oder im Auftrag Alexander Lukaschenkos erfolgt, der „menschlich beleidigt“ seine Gegner nicht nur niederknüppeln lässt.

Man kann natürlich (erfolglos) versuchen, solche Typen in die Zivilisation zu ziehen – der „letzte Diktator Europas“ wurde vor nicht zu Langem noch von Österreichs Staatsspitze hofiert. Man kann wie einst Donald Trump und verirrte Putin-Versteher auch hierzulande die starke Hand bewundern, mit der der russische Zar der Neuzeit regiert.

Oder man kann die auch wirtschaftlichen Kontakte (Stichwort: Nord Stream 2) auf ein Minimum reduzieren und den Herren die ersehnte Anerkennung versagen. Ersteres passiert, trotz des Vor-aller-Augen-Schocks, aus eigenen Interessen immer nur halbherzig und bewirkt (Stichwort 2: Russland-Sanktionen wegen Ukraine) wenig. Das mit der Anerkennung schmerzt wenigstens vielleicht. Dass nicht mehr möglich ist, auch.

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