Meinung
25.02.2018

Umstürzende Karriereleitern

60 Prozent der Wiener Schulkinder sprechen zu Hause alles Mögliche, nur nicht Deutsch.

Niki Glattauer | über Matheprobleme in Wiener Schulen

Wie ich in meiner Lieblings-U-Bahn-Zeitung heute lese, sind Wiener Schüler Schlusslicht in Mathe. Nicht einmal die Hälfte (43%) der rund 70.000 getesteten Schüler auf der 8. Schulstufe, also 14- und 15-Jährige, erreichte den vorgeschriebenen Standard, gleichzeitig war knapp weniger als ein Viertel (23%) so schwach, dass es die einfachsten Rechnungen nicht schaffte… Klingt schlimm, ist es vielleicht sogar, aber kein schlechtes Gewissen, Kolleginnen, ihr seid frei von Schuld! Oder glaubt jemand da draußen wirklich, dass Zigtausende Mathe-Lehrerinnen und -lehrer, die noch vor 15 Jahren allen ihren Kinderlein so viel beibrachten, dass sie für jede vernünftige Lehre zu brauchen waren und es sechs von zehn auf weiterführende Schulen schafften und nicht wenige sogar bis zur Matura, auf wundersame Weise das Unterrichten verlernt haben?

Eben.

Sagen wir, wie es ist: 60 Prozent der Wiener Schulkinder sprechen zu Hause alles Mögliche, nur nicht Deutsch. Die verstehen überhaupt nicht, was sie da rechnen soll, wenn eine sagt, sie soll en da etwas rechnen. Gib der Lehrerin für jede Textrechnung eine halbe Stunde, um dem Kind im Vier-Augen-Gespräch den Sinn hinter der Rechnung zu erklären und das Ergebnis schaut anders aus. Den Rest besorgt das unselige Auseinanderdividieren in AHS und NMS, das die städtische Hauptschule zur Restschule gemacht hat. Aber das will in Zeiten wie diesen keiner hören. Sag ich’s halt nicht mehr. Schreib ich’s halt nur noch zwischendurch (wenn ich nicht gerade das Ende der Kreidezeit beklage :-).

Denn leider ist das Dilemma an anderen Ende der umstürzenden Karriereleitern nicht geringer. In der aktuellen Ausgabe des biber schildert Chefredakteur Amar Rajkovic, einst selbst ein Zuwandererkind, sehr emotionell das Schicksal eines 15-jährigen syrischen Mädchens, das in seiner Heimat zu den besten Schülerinnen gehörte, fließend Englisch spricht und jetzt – nein, nicht ins Gymnasium darf, wo es eigentlich hingehörte, sondern in einer jener "Deutschförderklassen" versumpert, die an Gymnasien, warum auch immer, nicht vorgesehen sind. Bravo Schulpolitik!