Meinung
09.09.2017

Treten!

Da man seine Feinde kennen muss, hab ich mir ein E-Bike geliehen.

Da man seine Feinde kennen muss, hab ich mir ein E-Bike geliehen.

Mag. Simone Hoepke | übers Treten

Ich lass mich nicht mehr hetzen. Nicht von Fremden, nicht auf steilen Bergstraßen. Ich habe gelernt.

Unvergessen der Tag, an dem mich ein sehr betagter Herr überholt hat. Ich strampel – Funktionskleidung, Helm am Kopf, Trinkflasche am Fahrradrahmen festgeschnallt – den Berg hoch.

Er nähert sich von hinten. Unaufhaltsam. Deutlich hörbar. Nicht am Keuchen, sondern am Nonsens, den er redet. Während ich um Luft ringe, plärrt er in sein Telefon. Während ich immer gebückter wie ein Haufen Elend in die Pedale trete, sitzt er aufrecht wie ein Zinnsoldat im Sattel. Mit Strohhut am Kopf. Es ist eine einzige Verhöhnung.

Es kommt wie es kommen muss. Er rollt an mir vorbei. Winkend. Endlich verschwindet er hinter der nächsten Kurve – mit samt Herrenhandtasche. Also dem 6er-Träger Bier am Gepäcksträger. Ich kippe vom Rad, lieg elend wie ein Käfer am Rücken im Gras, leere die Trinkflasche auf ex. Mir wird schlecht von diesem isotonischen Gesöff.

So etwas passiert mir heute nicht mehr. Ich erkenne E-Bikes von Weitem. In Österreich gibt es mehr als 300.000 Stück. Ich fürchte, sie sind allesamt auf meiner Radstrecke unterwegs.

Da man seine Feinde kennen muss, hab ich mir ein E-Bike geliehen. In der Südsteiermark, die daherkommt wie die Toskana – hügelig und mit viel Wein. Mit der "Turbo"-Funktion ist das Rad abgegangen wie ein Pfitschipfeil. Hab eilig ein paar Rennradfahrer überholt, aufrecht sitzend und winkend wie die Queen. Macht richtig Spaß. Bis der Akku leer ist. Dann wird’s fad. So ein Rad wiegt eine gefühlte Tonne. Nicht lustig, wenn es bergauf geht.

Ich hab mir kein E-Bike gekauft. Zu teuer, zu diebstahlgefährdet. Auch wenn kluge Köpfe längst das Fahrradschloss mit GPS-Tracking erfunden haben. Ich trau Schlössern nicht. Ein Freund hat für sein Angeber-Rad ein unverschämt teures Schloss gekauft. Zur Geburtstagsfeier in einem Lokal ist er trotzdem lieber mit dem alten Klappergestell gefahren, das er aber mit seinem Überdrüber-Schloss abgesperrt hat. Und? Gestohlen haben sie es! Nicht das billige Radl, das teure Fahrradschloss!