Meinung
29.10.2017

Tot, aber in stabiler Seitenlage

Dabei schaffte man es doch tatsächlich das Ende der österreichischen Zwei-Klassen-Schule mit keinem Wort zu erwähnen.

Niki Glattauer | über die Bildungs-Initiative der Industriellenvereinigung.

"Neustart Schule", eine an sich löbliche Bildungs-Initiative der Industriellenvereinigung mit 24 Partnerorganisationen, nannte jetzt auf einer Pressekonferenz die ihrer Meinung nach "notwendigen Sofortmaßnahmen" für ein Ende der Bildungsmisere. Dabei schaffte man es doch tatsächlich, die Mutter aller notwendigen Sofortmaßnahmen, nämlich das Ende der österreichischen Zwei-Klassen-Schule, mit keinem Wort zu erwähnen. Zu glauben, man könne die Schule reformieren, ohne mit der Beendigung des folgenschweren Auseinanderdividierens der Kinder in der Volks(!)schule zu beginnen, hieße, ein Unfallopfer mit Herzstillstand in stabile Seitenlage zu bringen, statt es wiederzubeleben.

Glauben Sie mir, denn ich bin nun seit 20 Jahren in einem Schulmilieu tätig, in dem 9 von 10 Kindern nicht ordentlich Deutsch können; 9 von 10 Schülern keine Eltern haben, die zu Hause als Co-Lehrerinnen funktionieren; 9 von 10 Kindern kein deutschsprachiges Fernsehen schauen und keine österreichische Zeitung lesen, und in dem Zigtausende Pflichtschullehrerinnen, denen man jetzt noch die Inklusion von Sonderschülern und die Integration von 15.000 Flüchtlingskindern umgehängt hat, inzwischen am Rande des Nervenzusammenbruchs stehen.

Unter anderem schlägt "Neustart Schule" vor, Kinder künftig so viele Jahre in der Schule zu belassen, bis sie "Mittlere Reife" haben. Glauben Sie mir noch einmal: Unter den gegebenen Umständen schaffen Kinder, wie oben beschrieben, mit den besten Lehrerinnen der Welt keine "mittlere Reife".

Ein wahres Wort sprach der Industrielle Hannes Androsch: Bis heute sei jede Schulreform von einer Art Tea-Party-Bewegung, bestehend aus Pfründenbewahrern unter den AHS-Lehrerinnen, höheren Eltern und parteipolitisch agierenden Gewerkschaftern, so lange "verwässert und blockiert worden, bis sie am Ende keine mehr war". Dass jetzt just jene Parteien den Bildungsminister stellen werden, die seit Jahren für den schulpolitischen Kolbenreiber verantwortlich sind, ist schon fast wieder lustig. Übrigens, ich tippe auf den ehrenwerten Walter Rosenkranz. Mind my words!