Meinung
02.08.2016

Symbole der Ungleichstellung

GASTKOMMENTAR

Das Kopftuch ist das Markenzeichen des Islamismus jeglicher Couleur

Nina Scholz | über religiöse Kleidervorschriften

Selbstbewusste, organisierte, in den Medien präsente Hidschab-Trägerinnen stellen religiöse Kleidervorschriften als progressiv und feministisch dar.

Ein Blick in die islamische Welt und konservative muslimische Communities Europas zeigt jedoch das Gegenteil: Wo religiöse Kräfte das Sagen haben, ob mittels staatlicher Macht oder gesellschaftlichem Druck, ist für Frauen ein Kleidungsstück verpflichtend, das ihre inferiore gesellschaftliche Rolle unterstreicht. Im Iran führen Frauen einen mutigen Kampf für die Freiheit vom Kopftuch. 2013 wurden offiziell 593.590 Frauen wegen Missachtung der Kleidervorschriften verwarnt, 3672 wegen "nicht islamgerechter Bekleidung" angeklagt. Gerade zeigen uns Nachrichten aus der Türkei, dass aufgebrachte AKP-Anhänger es nach dem gescheiterten Putsch offenbar auch für nötig halten, Frauen ohne Kopftuch zu attackieren.

Islamismus Marke

Das Kopftuch ist das Markenzeichen des Islamismus jeglicher Couleur, die Frau seine Werbeplattform. Hani Ramadan, Bruder des Stars der europäischen Islamisten-Szene, Tariq Ramadan, erklärte unlängst, eine unverschleierte Frau sei wie eine 2-Euro-Münze; sichtbar für alle gehe sie von Hand zu Hand. Auch die meisten Islamverbände werben für das Kopftuch. Carla Amina Baghajati, Medienreferentin der IGGiÖ, erläutert in ihrem Buch "Muslimin sein", warum das Kopftuch eine nicht wegzudiskutierende religiöse Pflicht sei. Im neuen Lehrbuch der IGGiÖ für den islamischen Religionsunterricht an Schulen taucht, einem Maskottchen gleich, immer wieder das gezeichnete Bild einer jungen Frau, die lehrreiche Tipps gibt, auf. Sie trägt strenges Kopftuch (mit Untertuch und den Oberkörper bedeckend), wie wir es von Vertreterinnen des politischen Islam, etwa der Muslimbruderschaft kennen. Mit der ansonsten vielbeschworenen Vielfalt des Islam scheint es beim Kopftuch schnell vorbei zu sein. Mariah Idrissi, Kopftuch-Model von H&M, beweist, dass Selbstbewusstsein und reaktionäres Frauenbild durchaus zusammenpassen: Sie wolle, so Idrissi im Interview, mit dem Hidschab auch für die Botschaft des Islam werben: Die muslimische Frau zeichne sich durch Anstand, Zurückhaltung und sittsames Benehmen aus.

Akzeptanz

Nun, diesen Vorstellungen darf anhängen, wer will, aber Akzeptanz für ein solches Frauenbild sollte nicht erwartet werden. Sich selbst als "muslimische Feministinnen" bezeichnende Frauen verkürzen Feminismus auf gleichberechtigte Teilhabe an der von ihnen vertretenen Ideologie und treten mit der feministischen Parole "Frauen ermächtigen!" für reaktionäre Werte ein. Ähnliches lässt sich zunehmend auch in der rechten Szene bei sogenannten "identitären Feministinnen" beobachten. Wird der von Letzteren vertretene Gesellschaftsentwurf durchschaut, ist Problembewusstsein gegenüber konservativen islamischen Aktivistinnen kaum vorhanden.Als sichtbares Zeichen der Ungleichstellung widersprechen diese Kleidervorschriften dem Unterrichtsprinzip "Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern". Es mag viele Schülerinnen geben, die freiwillig Kopftuch tragen. Aber diejenigen, die zum Kopftuch gezwungen werden, haben in der Regel keine Stimme in der öffentlichen Debatte. Daher ist diese, wie sie vonseiten der Islamverbände geführt wird, zutiefst asymmetrisch und trägt den Charakter einer Kampagne. Um Mädchen vor familiärem Zwang und Druck durch Peer Groups zu schützen und ihnen eine freiere Entfaltung zu ermöglichen, sollten Kindergärten und Schulen Kopftuch-frei sein. Hier haben politische oder religiöse Vorstellungen von der Ungleichstellung der Menschen und ihre Symbole nichts verloren.

Nina Scholz ist Politikwissenschaftlerin und Autorin und lebt in Wien. Zuletzt erschienen: "Gewalt im Namen der Ehre".