Meinung
03.05.2017

Studie: Stress entsteht nicht durch Arbeit

GASTKOMMENTAR

Beinahe ein Viertel bezeichnet sich als Burn-out-gefährdet

Dr. Wolfgang Kopf | über die Belastungen am Arbeitsplatz

Arbeiten wir zu viel? Fast vierzig Prozent der Berufstätigen fühlen sich durch Stress belastet, beinahe ein Viertel bezeichnet sich als Burn-out-gefährdet. Diese Werte ermittelte eine aktuelle Umfrage des Market-Instituts im Auftrag der Allianz-Versicherung. Man könnte meinen, dass wir alle viel zu viel Arbeit aufgeladen bekommen.

Die Studie weist jedoch in eine andere Richtung. Nur fünf Prozent der Befragten nannten Überstunden als Stressfaktor. Doch 13 Prozent bezeichneten ein schlechtes Betriebsklima als Ursache. 59 Prozent schlugen vor, die Teamfähigkeit zu schulen, um Stress zu vermeiden. Die Aussage ist klar: Oft funktionieren die Zusammenarbeit und das Zwischenmenschliche im Team nur mangelhaft.

Gegensteuern

In diesem kritischen Befund steckt auch eine gute Nachricht. Wenn Klima und Teamwork das Problem sind, dann kann man gegensteuern. Ginge es um die Arbeitsbelastung an sich, könnte man wohl nur die Achseln zucken. Denn weniger zu arbeiten – das steht in Zeiten wie diesen kaum zur Debatte. Sind jedoch das Betriebsklima und die Zusammenarbeit die kritischen Faktoren, dann kann man eingreifen, und das sogar ziemlich einfach.

Ein geeignetes Gegenmittel ist Supervision. Es handelt sich dabei um eine Form der Beratung und Unterstützung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein Supervisor führt strukturierte Besprechungen durch, in denen die Beteiligten ihre Rollen im Team klären und über Probleme und Lösungen nachdenken. Das löst Konflikte und führt zu einer besseren Zusammenarbeit.

Ein Detail der Studie überrascht: Ausgerechnet die Mitarbeiter im Gesundheitswesen fühlen sich durch Stress am wenigsten belastet – obwohl gerade sie tagtäglich mit Kranken und Leidenden konfrontiert sind und unter großem Druck stehen. Im Gesundheitswesen gilt Supervision jedoch schon seit Jahrzehnten als Selbstverständlichkeit. Und wirkt offenbar. Umgekehrt klagen die Lehrer am allermeisten über Stress. Im Schulwesen zählt Supervision jedoch immer noch zu den Fremdwörtern. Zufall?

Die Studie ermittelte weitere Stressmotoren: Mängel im Management und in der Organisation. Nicht weniger als zwei Drittel (!) der Berufstätigen meinen, um Stress zu vermindern, sollte man die Arbeitsorganisation verbessern und die Führungskräfte schulen.

Da stellen die Mitarbeiter ihren Chefs ein schlechtes Zeugnis aus. Auch andere Aussagen legen Fehler in der Leitung und Einteilung nahe.

Als größte Stressfaktoren werden Zeitdruck und Leistungsdruck angeführt; dahinter verbergen sich ganz klar Management-Schwächen. Dafür gibt es ebenfalls ein bewährtes Gegenmittel: Coaching für Manager, im Sinne einer Beratung für Führungsaufgaben.

Stress am Arbeitsplatz ist kein Schicksal. Den Unternehmen stehen wirksame Mittel dagegen zur Verfügung. Man muss sie einfach nur einsetzen.

Dr. Wolfgang Knopf ist Geschäftsführer der Österreichischen Vereinigung für Supervision und Coaching ÖVS.