über fehlende Studentenproteste
10/08/2016

Studenten, wacht auf und mischt euch ein

Die nächste Generation an Führungspersönlichkeiten findet man an den Unis. Lernwillig und ziemlich brav.

von Helmut Brandstätter

Den Studenten kann man nur sagen: Wehrt euch, wenn euch die Unis nicht bieten, was ihr braucht.

Dr. Helmut Brandstätter | über fehlende Studentenproteste

Ein Besuch an der Universität Wien Anfang der Woche stimmte durchaus nostalgisch. Im Festsaal, wo man einmal vor langer Zeit die violette Rolle mit der Doktorwürde entgegennehmen durfte, wuselt es nur so. Hoffnungen und Ängste sind präsent wie früher, nur die Unsicherheiten, die Sorgen um die Zukunft sind heute viel stärker zu spüren. Wer früher einmal Jus, Wirtschaft oder sogar Publizistik studierte, konnte nach dem Studium nicht nur mit einem sicheren Arbeitsplatz rechnen, sondern zumeist mit lebenslanger Beschäftigung und anschließender Firmenpension. Oder einem Golden Handshake, wie er im Moment in vielen Unternehmen schon 50-Jährigen angeboten wird.

Ein Studium im Ausland oder gar ein Job mit Aufstiegschancen auf einem anderen Kontinent war eher selten. Heute sind Erasmus-Studien für viele selbstverständlich, und auf die sehr gut Ausgebildeten warten mehr Job-Chancen als früher. Sicherheit wurde gegen das mögliche weltweite Abenteuer eingetauscht, nicht freiwillig, aber alternativlos.

Generation der "pragmatisch Angepassten"

Die politische Stimmung war ebenso deutlich wie emotionslos für Van der Bellen. Ideologische Gruppierungen, die früher auch durchaus kampfbereit auftraten und schon zu Beginn des neuen Semesters Aktivisten und Anhänger zu rekrutieren versuchten, sind selten geworden. Politische Überzeugungen auch.

Der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier spricht von der Generation der "pragmatisch Angepassten". Der persönliche Nutzen steht im Vordergrund, Engagement für eine Umweltorganisation oder eine Flüchtlingsbetreuung kann schon vorkommen, aber das ist kein Trend, Ehrgeiz für persönliche Ziele und Rückzug ins Private schon eher.

Die Studierenden müssen sich Rechte nehmen

Aufgrund unserer Demografie interessieren sich die politischen Parteien eher für die Älteren. Die Sicherung der Pensionen für die Rentner von heute steht ganz oben auf der Agenda, das Pensionssystem wird nicht für diejenigen gemacht, die in 50 Jahren in Pension gehen.

Das erwarten die Jungen auch nicht, aber Universitäten und Forschungseinrichtungen, die sie zu herausragenden Akademikern machen, die sich international durchsetzen können, können sie erwarten.

Und dazu eine politische Stimmung, die unser Land nicht abschottet, sondern mit durchaus berechtigtem Selbstbewusstsein auf den Weltmärkten, auch auf den weltweiten Arbeitsmärkten auftreten lässt.

Den Studenten kann man nur sagen: Wehrt euch, wenn euch die Unis nicht bieten, was ihr braucht. Die in Österreich eher bescheidenen Studentenproteste der 1960er-Jahre haben immerhin mehr Demokratie an die Uni gebracht und dadurch die ganze Gesellschaft verändert.

Wenn jetzt die akademische Elite den Kopf einzieht und nur auf Weisungen von oben wartet, wird das im ganzen Land populär. Die Gefahr besteht ohnehin. Studenten, die sich einmischen, braucht das Land.