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Lockdown DAILY, Tag 4
11/20/2020

Schulschließung: Was Drosten Rendi-Wagner (vermutlich nicht) gesagt hat

Heftige politische Debatte um die Meinung des deutschen Star-Virologen. Aber der Held des Donnerstagabend ist ein anderer Mann aus dem ORF.

von Richard Grasl

Es gibt ja für mich ab und zu einen "Held des Tages". Gestern Abend war es Günther Mayr vom ORF, der Chef der TV-Wissenschaftsabteilung. Dem meist auf Sachlichkeit getrimmten öffentlich-rechtlichen Redakteur ist gestern in der ZIB 1 vor 1,5 Millionen TV-Zusehern hörbar der Kragen geplatzt. In einer Analyse über die hohen Ansteckungszahlen in den Alters- und Pflegeheimen echauffierte sich Mayr so (im Wortlaut):

"Das Virus darf uns nicht die Menschlichkeit rauben. Und die Theorie, dass wir bei den Jungen einen Herdenschutz aufbauen könnten und die Alten separieren - diese Theorie ist wieder einmal eindeutig widerlegt. Die Herdenimmunität besteht allenfalls nur bei jenen Herden oder Horden, die im Internet oder anderen Informations-Schrottplätzen jetzt von gefälschten Krankenhauszahlen faseln und deren größte Leithammel immer noch blöken, das Ganze sei eine Weltverschwörung."

Jawoll, Günther Mayr. Besser geht es nicht. Der KURIER Daily schickt ein Glückwunschtelegramm auf den Wiener Küniglberg. Ab und zu tun Gefühlsausbrüche im TV-Studio auch gut.

Was denkt Christian Drosten über die Schule?

Um die Deutungshoheit der Wissenschaft hat sich in Österreich seit einigen Tagen nun auch eine politische Debatte entsponnen, der der KURIER-"Lockdown Daily" nun auf den Grund gehen möchte. SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner erzählte ja von einem Gespräch mit dem deutschen Starvirologen Christian Drosten. Details wollte sie zwar nicht verraten, aber es ging auch um das Thema "Corona in den Schulen". Zumindest besagt das eine Mitteilung der Austria Presse Agentur vom 11. November.

Am Tag darauf, am 12.11. erklärt die SPÖ-Chefin in einer Aussendung: „Schulschließungen sind das Gegenteil von Treffsicherheit und Wirksamkeit. Denn dafür fehlt aus Sicht vieler ExpertInnen jegliche Datengrundlage und Begründung“. In diese Aussage muss also rein vom Zeitverlauf her die Expertise Drostens eingeflossen sein.

Am 15. November, also vier Tage nach dem Drosten-Gespräch stimmte die SPÖ dann im Parlament gegen den Lockdown, im Gegensatz zum "Lockdown light" zwei Wochen zuvor, wo man zugestimmt hatte. Und man wies darauf hin, dass man vor allem wegen der Schulsperren nicht zustimmen könne.

Hat Drosten in diesem Gespräch also tatsächlich gesagt, dass Schulen kein so wichtiger Infektionsherd seien? Die Sache wäre fast schon wieder eingeschlafen, wenn nicht in der gestrigen Parlamentssitzung die frühere Bildungsministerin Sonja Hammerschmid nochmals dieses Gespräch ihrer Parteichefin Rendi-Wagner mit Drosten erwähnt hätte.

Und jetzt war plötzlich Feuer in der Diskussion. Denn zahlreiche Twitteranten wollten von Drosten wissen, wie er nun zum Thema Schule stehe. Und der beteuerte schon vor 4 Tagen ebenfalls auf Twitter: "Sie finden meine aktuelle Einschätzung im NDR-Podcast. ich sage der Politik nichts anderes".

Also hörte sich der KURIER-Daily noch am Abend diesen Podcast (vom 11.11. an). Drosten sagt dort etwa ab Minute 18:

  • dass die Schuljahrgänge genauso zur Übertragung beitragen wie Erwachsene und die Virenlast gleich hoch sei,
  • dass nur bei den Kleinsten die Viruslast geringfügig kleiner sei, wohl aber deswegen weil das Probenmaterial von Kleinkindern auch weniger sei,
  • dass man nur deswegen weniger Cluster in den Schulen habe, weil ja Kinder zumeist keine Symptome zeigen und damit nie als Person 0 auszumachen seien. Als Erstüberträger gelte dann oft der vom Kind angesteckte Erwachsene.

Eindeutiger geht es in der rein virologischen Frage nicht. Nach Drosten sind Schulen also Infektionsherde.

Schulöffnung wäre politische Entscheidung

Doch Drosten sagt auch, dass es am Schluss eine politische Entscheidung sei, ob man Schulen schließe oder nicht. Es gehe einfach nur darum, die Summe aller Kontakte zu reduzieren. Und natürlich könne man sagen, dass die Bildung und die Betreuung in den Schulen einfach wichtiger seien. Das wäre dann aber eine Entscheidung der Politik und der Demokratie und nicht der Wissenschaft.

Natürlich war niemand beim Telefonat von Pamela Rendi-Wagner mit Christian Drosten dabei. Aber es scheint ausgeschlossen, dass er ihr gesagt hat, dass in Schulen das Infektionsrisiko geringer ist.

Und natürlich ist Christian Drosten auch nur ein Wissenschafter von vielen. Eine andere Studie aus Hamburg in der heutigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagt wiederum, dass die meisten Infektionen durch Schüler nicht im Klassenzimmer sondern anderswo stattfinden.

Zusammengefasst: Diese Frage ist nicht nur wissenschaftlich heikel, sie ist auch hochpolitisch. Und Aussagen von Politikern zu diesem Thema (noch dazu wenn sie wie bei Rendi-Wagner von höchst angesehenen Medizinern sind) tragen dazu bei, ob Eltern ihre Kinder in die Schulen schicken oder nicht.

Starten Sie gut in den Tag und schreiben Sie Ihre Meinung unter richard.grasl@kurier.at.

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