Psychische Erkrankungen: Großes Wegschauen kostet Lebenszeit

Psychische Erkrankungen verkürzen das Leben dramatisch. Trotzdem reagiert das System zu langsam.
Marlene Auer
Frau mit Depressionen in Therapie.

Menschen mit psychischen Erkrankungen leben zehn bis 20 Jahre weniger - alleine dieser Satz müsste in der Gesundheitspolitik Alarmstufe Rot auslösen. Stattdessen wird die Psyche noch immer behandelt, als wäre sie ein Anhängsel des Körpers. Dabei zeigt die aktuelle Analyse der MedUni deutlich und ziemlich brutal, worum es wirklich geht: nicht um Wellness, nicht um ein bisschen Yoga fürs gute Gewissen, sondern um Übersterblichkeit durch Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, verstärkt durch Bewegungsmangel.

Tatsächlich ist es so, dass Bewegung fixer Bestandteil psychiatrischer Behandlungen werden müsste. Nicht als Empfehlung, sondern als Standard: Verordnet, begleitet, finanziert - und überprüft. Das ist keine Lifestyle-Idee für Menschen mit gut sortierter Freizeit, sondern eine medizinische Notwendigkeit. Wenn Menschen mit Schizophrenie laut Studien im Schnitt fast zehn Stunden täglich sitzen und Depressive deutlich inaktiver sind als Gesunde, ist die Antwort nicht: "Sie sollten mehr spazieren gehen." Das System muss Bewegung in Therapiepläne einbauen, mit der Expertise von Sportwissenschaftlern und Physiotherapeuten, samt Gruppenangeboten, alltagstauglichen Programmen in Ambulanzen, Tageskliniken und Reha-Zentren.

Fortschritt mit Haken

Nur: Das Problem ist größer als die fehlende Turnmatte in der Psychotherapie oder Psychiatrieeinheit. Es hakt in Österreich nicht am Wissen, sondern an der Übersetzung dieses Wissens in die Regelversorgung. Zuletzt gab es hier zumindest einen Fortschritt: Auf einer neuen Plattform stehen vollfinanzierte Kassenplätze für psychologische Behandlungen zur Verfügung, in Summe 120.700 Behandlungseinheiten pro Jahr. Der Haken dabei ist aber, dass die Finanzierung laut ÖGK vorerst nur bis 2029 gesichert ist. Sicher ist nämlich auch, dass es längerfristige Investitionen in Behandlung und Prävention von psychischen Erkrankungen braucht. Eine Evaluierung macht Sinn, wenn zugleich feststeht, dass die Sicherung des Angebots jedenfalls gegeben ist. Psychische Versorgung auf Befristung aufzubauen ist ungefähr so nachhaltig wie einen Lift nur bis zum dritten Stock zu finanzieren. 

Langzeitkrankenstände

Und wer glaubt, das alles sei bloß ein Nischenthema, sollte auf die gesellschaftliche Wucht schauen. In Österreich verursachten psychische Erkrankungen bei den 25- bis 44-Jährigen im Jahr 2024 die meisten Krankenstandstage in langen Krankenständen. Die WHO geht gar von einer Milliarde Menschen aus, die unter einer psychischen Erkrankung leiden. Was es bräuchte, ist also nicht noch eine Kampagne, zumindest nicht ausschließlich. Es bräuchte neben ausreichender Kassenversorgung und dem Fixbestandteil der Bewegung in Therapieplänen auch ein Früherkennungsprogramm samt Prävention, regionale Steuerung nach Bedarf, sowie klare Messgrößen: Wartezeit, Behandlungsstart, Kontinuität, Anpassung an Alltag zwischen Familie und Berufsleben. Denn was nicht gemessen wird, wird oft auch nicht angepasst, da Daten fehlen.

Die unangenehme Wahrheit ist: Psychische Erkrankungen scheitern oft nicht zuerst an mangelnder Therapierbarkeit. Sondern an einem System, das zu spät reagiert, zu wenig bietet und körperliche wie soziale Faktoren zu lange getrennt betrachtet. Wer zehn bis 20 Jahre Lebenszeit verliert, braucht keine Ermunterung. Er braucht einen Staat, der aufhört, Psyche im Klein(er)gedruckten zu führen.

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