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Klarnamendebatte
04/28/2021

Wie groß ist der Wert der Anonymität im Netz?

Freiheit im Internet brachte Demokratisierung. Einschränkungen gibt es dennoch

PRO

In der Debatte um Hass im Netz  ist die Diskussion um Klarnamen ein Dauerbrenner. Doch die Forderungen nach einer Ausweispflicht im Internet sind überholt und wenig zielführend. Mittlerweile ist in diversen Studien belegt, dass Klarnamen allein noch kein Garant dafür sind, Hass und Hetze vorzubeugen. Im Gegenteil. Schon im Jahr 2016 zeigte eine Untersuchung der Universität Zürich, dass unter Klarnamen sogar mehr aggressive Kommentare abgegeben wurden. Auch ein gelegentlicher Blick auf Facebook-Seiten diverser Politiker bestätigt, wie unverblümt und gedankenlos dort rassistisch, sexistisch und zutiefst beleidigend unter realen Namen gepostet wird.

Gleichzeitig ist Anonymität im Netz ein hohes Gut, das es zu schützen gilt, um die freie Meinungsäußerung für alle Menschen zu wahren. Sich unter Klarnamen in sozialen Netzwerken und Zeitungsforen zu bewegen ist auch als Privileg zu sehen. Nicht jede und jeder kann sich das erlauben. Da muss man noch gar nicht von Ländern sprechen, in denen die Meinungsfreiheit grundsätzlich eingeschränkt ist. Viele Menschen, die sich politisch engagieren, können dies oft nicht einfach so unter Angabe ihrer vollen Identität. Andere wiederum müssen Diskriminierung fürchten und für manche könnte schon der Arbeitgeber ausreichen, um in unangenehme Situationen zu geraten. Anhand von anonymer Kommunikation, oder zumindest unter dem Auftritt eines Pseudonyms, ist für alle Menschen sichergestellt, dass sie am öffentlichen Diskurs teilnehmen können. Auch auf der Straße laufen wir nicht mit einem Namensschild auf der Stirn umher, genauso wenig auf Demonstrationen. Zur Verfolgung strafrechtlich relevanter Ergüsse stehen auch jetzt Mittel zur Verfügung. Das Internet ist also keineswegs ein rechtsfreier Raum.

Claudia Zettel ist Chefredakteurin von futurezone.at.

CONTRA

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade jene, die stets die „Demokratisierung aller Lebensbereiche“ propagiert haben, an vorderster Front stehen, wenn es um die Regulierung freier Meinungsäußerung im Netz geht. Denn es kann kein Zweifel bestehen: Die digitale Welt hat einen dereinst unvorstellbaren Schub an Demokratisierung der Kommunikation gebracht.
Für uns Journalisten war das ja zunächst einmal nicht angenehm: Wir wurden ziemlich jäh vom hohen Ross der Meinungs- und Themensetzungsführerschaft geholt. Während anno dazumal der durchschnittliche Medienkonsument allenfalls seine bescheidene Sicht der Dinge in die Schreibmaschine klopfen und das Elaborat an die Redaktion seines Vertrauens schicken konnte („mit der Bitte um Kenntnisnahme und ggf. Veröffentlichung“), geschieht Kommunikation heute auf Augenhöhe und in Echtzeit. Und es gibt hier auch längst kein Monopol der klassischen Medienhäuser mehr, sondern diese Kommunikation findet ganz wesentlich in den sogenannten sozialen Medien oder diversen Blogs bzw. Onlineforen statt.
Und ja, das ist trotz aller Schattenseiten gut so – und hat letztlich auch den Traditionsmedien gutgetan. Damit sollen natürlich nicht die Untiefen, bisweilen Abgründe der neuen Medienwelt kleingeredet werden. Und was in der analogen Welt aus nachvollziehbaren Gründen verboten ist, muss es auch in der digitalen sein.
Aber die Vorstellung, irgendeine Instanz könnte definieren, was „Hass im Netz“ (oder sonst wo) bedeutet, welche Ansichten als „-phob“ zu gelten hätten, ist eine moralistische Anmaßung jener, die unter dem Titel „Demokratisierung“ immer nur die Ausweitung ihres Anspruches auf die Hoheit über den öffentlichen Diskurs verstanden haben.

Rudolf Mitlöhner ist stv. Ressortleiter der Innenpolitik.

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