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Pro und Contra
03/31/2021

Sollen wir das Binnen-I sprechen?

Sind wirklich alle mit der männlichen Form mitgemeint? Oder müssen wir uns anders ausdrücken?

Pro

Gendersternchen und Binnen-I lösen oft große negative Emotionen aus. Aber warum eigentlich? Sprache verändert sich doch ständig.

Wir wissen, was PCR-Tests und FFP2-Masken sind, dass der „Tiger King“ bei Netflix zu suchen ist und die „Ever Given“ den Suezkanal versperrt hat – alles Begriffe, die wir im vergangenen Jahr gelernt haben. Wieso sollte uns dann ein „innen“ – und es sind ja doch nur fünf Buchstaben – vor größere Schwierigkeiten stellen?

Was in der Debatte oft zu hören ist: „Wir haben viel größere Probleme“ oder „Frauen werden deswegen nicht mehr verdienen“. Natürlich. Aber dann könnten wir auch aufhören, Müll zu trennen, weil das Klima dadurch nicht gerettet wird, oder die Wäsche zusammenzulegen, weil die Wohnung davon noch nicht aufgeräumt ist. Es ist ja kein Entweder-oder. Sondern ein Teilaspekt.

Aber es ist nicht egal, wie wir Dinge ausdrücken. Sonst gäbe es keine Kommunikationsabteilungen, Politiker*innen würden keine Interviewtrainings absolvieren und wir könnten uns mit Beschimpfungen begrüßen, anstatt höflich zueinander zu sein. Eine Studie der Freien Universität Berlin hat ergeben, dass Kinder sich eher zutrauen, typisch männliche Berufe auszuüben, wenn sowohl die männliche als auch die weibliche Berufsbezeichnung verwendet wird. Das mit dem Mitgemeintsein klappt wohl doch nicht so gut.

Mit gendergerechter Sprache können wir abbilden, was schon ist (dass es z. B. nicht nur Mediziner und Virologen gibt). Und leichter vorstellbar machen, was hoffentlich sein wird: eine Welt, in der alle dieselben Chancen haben, ungeachtet des Geschlechts. Wir schicken bereits Roboter zum Mars. Laut WEF werden wir beim jetzigen Tempo erst in rund 250 Jahren weltweit Gleichberechtigung am Arbeitsplatz haben. Klingt, als sollten wir die Sache von mehreren Seiten angehen.

Nina Oberbucher ist Medienredakteurin.

Contra

Liebe Leserinnen und Leser“. Oder „LeserInnen“, „Leser*innen“ oder gar „Leser_innen“? Ich bleibe bei der klassischen Anrede, so wie sie jahrzehntelang Usus ist. Sowohl schriftlich als auch mündlich. Denn ich erkenne keinerlei Vorteile des Genderns – im Gegenteil, die Verständlichkeit der Sprache leidet immens. Gendern hat sich ja nicht aus dem natürlichen Sprachgebrauch entwickelt, sondern wurde uns aufs Aug’ gedrückt.

Der sprachliche Irrweg begann rund um die Jahrtausendwende im deutschsprachigen Raum, als Frauenrechtler meinten, dies helfe dem Anliegen der Gleichberechtigung. Gepaart mit politischer Korrektheit gibt es  bereits nahezu den Zwang, sich auf diese Art auszudrücken. Wer eine Hochschule besucht, kann ein trauriges Lied davon singen. Ohne Gendern werden Arbeiten teilweise nicht abgenommen oder schlechter benotet.

Immerhin, und das ist äußerst vernünftig, lehnt jetzt „Der Rat für deutsche Rechtschreibung“ gegen die Aufnahme von Gender-Symbolen in das amtliche Regelwerk ab. Begründung: Die Wertschätzung aller Gruppen einer Gesellschaft sei eine  gesellschaftspolitische Aufgabe und keine der Rechtschreibung.

Leider leisten dennoch einige dieser sprachlichen Verhunzung beharrlich Vorschub, etwa Tarek Leitner, der sich zum Sprachrohr des Genderns im ORF gemacht hat. Seine Kunstpausen mitten in einem Wort sollen explizit darauf hinzuweisen, dass jetzt – Achtung, Achtung – sowohl Männer als auch Frauen gemeint sind. Als ob die Zuseher zu dumm wären, zu verstehen, dass unter allgemeinen  Zuordnungen wie „Politiker“ oder „Autofahrer“ natürlich auch Frauen gemeint sind.

In einem negativen Kontext ist übrigens Gendern dann weitaus seltener  – oder haben Sie schon von „UmweltsünderInnen“, „AluhutträgerInnen“ oder „RandaliererInnen“ gehört und gelesen?

Robert Kleedorfer ist stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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