© Kurier/Gerhard Deutsch

Pro und Contra
09/01/2021

Soll Arbeitslosen der Zuverdienst gestrichen werden?

AMS-Chef Johannes Kopf will den Arbeitsmarkt ankurbeln. Ist das die richtige Art?

PRO

Das Sozialnetz ist in Österreich dicht gespannt. Das ist gut so. Zum Teil wird aber aus dem Netz eine soziale Hängematte. Wenn sich bei 280.000 Arbeitslosen keine Menschen für mehr als 100.000 offene Jobs finden, dann stimmt etwas nicht. Unternehmer berichten infolge der Pandemie mehr als je zuvor, dass sie seit Monaten händeringend Mitarbeiter suchen – aber partout keine Bewerbungen erhalten.

Natürlich passt nicht jeder Deckel zu jedem Topf (weder geografisch noch jobmäßig) und ja, einige Unternehmen zahlen so wenig, dass es an Ausbeutung grenzt. Zudem gibt es in gewissen Branchen, etwa IT, einfach zu wenig Angebot für zu viel Nachfrage.

Dennoch hat AMS-Chef Johannes Kopf recht, wenn er für das Streichen der Zuverdienstmöglichkeit eintritt. Schließlich können Arbeitslose bis zu 78 Wochen Arbeitslosengeld erhalten, und zwar inklusive Zulagen bis zu 80 Prozent vom letzten Nettoeinkommen. Bei einer Deckelung von insgesamt rund 1.800 Euro plus 475 Euro brutto Nebenverdienst im Monat kann da schon ein nettes Sümmchen herauskommen. Hinzu kommt bei dem einen oder anderen wohl noch ein bisschen Pfusch. Die Motivation, sich ernsthaft um eine Stelle zu bemühen, ist also enden wollend.

Robert Kleedorfer ist stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft

CONTRA

Schon unterhaltsam,  wer applaudiert, wenn das Ende der Zuverdienstmöglichkeiten  zur „Arbeitslosen“ heraufbeschworen wird: Jene Arbeitgeber, die jammern, dass sie keine Mitarbeiter finden. Und damit oft in Personalunion jene, die Arbeitslose als „Geringfügige“ anstellen, auch wenn von vornherein klar ist, dass sie weit mehr arbeiten werden, als auf dem Papier steht. Nur halt schwarz. Also an der Steuer und an den Sozialversicherungsbeiträgen vorbei. Klingt nach einem Geschäft, ist es aber nicht. Am allerwenigsten für die Schwarzarbeiter, denen spätestens in der Pension die Beitragszahlungen fehlen. Die Altersarmut lässt grüßen! Und diese kommt treffsicher bei den „Hacklern“ im Niedriglohnsektor an. So gesehen können sich die feinen Herren in den Chefetagen ganz entspannt zurücklehnen.

Man muss die Dinge beim Namen nennen: Wer in einer Niedriglohnbranche arbeitet, wird in der Arbeitslosigkeit nicht mit Geld überschüttet. Aufs Konto kommen weniger als 900 Euro. Zur Orientierung: Im Durchschnitt liegen die monatlichen Ausgaben um 500 Euro über dieser Marke. Und wer arbeitet eigentlich typischerweise in einer Niedriglohnbranche? Frauen. Noch immer. Jobs im Tourismus und im Handel sind klassische Teilzeitjobs, die Fluktuation ist groß, der Fachkräftemangel gehört zum Alltagsgeschäft. Auch ohne Pandemie.

Eine Streichung der Zuverdienstgrenze löst kein Mismatch am Arbeitsmarkt. Das ist allen voran dem Chef des Arbeitsmarktservice klar, der die aktuelle Debatte angestoßen hat. Wohl auch als Auftakt für eine viel größer Diskussion im Herbst. AMS-Chef Johannes Kopf ist bisher nicht gerade als Populist aufgefallen, sondern als jemand, der Dinge zu Ende denkt. Das wird bei der großen Arbeitsmarktreform im Herbst auch nötig sein.

Simone Hoepke ist stellvertretende Ressortleiterin Wirtschaft

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