CORONA: PK "PSYCHISCHE GESUNDHEIT IN DER KRISE": ANSCHOBER

Gesundheitsminister Rudolf Anschober ist krank. Muss er sagen, was er hat?

© APA/HERBERT PFARRHOFER / HERBERT PFARRHOFER

Pro und Contra
04/09/2021

Müssen Minister über Krankheit Auskunft geben?

Es ist Teil des Politiker-Jobs und zudem ein Fortschritt. Transparenz ist aber kein Selbstzweck.

PRO

Selbstverständlich dürfen Minister und Ministerinnen krank sein oder aus erfreulichen Gründen ausfallen, wenn sie Kinder kriegen oder in Babypause gehen. Das gehört zum Leben. Und wir wollen ja von Politikern regiert werden, die im normalen Leben geerdet sind. Politiker zu Überirdischen zu stilisieren, die nie krank werden, denn das könnte ihnen als Schwäche ausgelegt werden – das war früher so, bevor das Egalitätsprinzip das Autoritätsdenken verdrängt hatte.

Gut zu beobachten war der unterschiedliche Zugang im Kalten Krieg, als Heerscharen von Journalisten über die Krankheiten der älteren Herren im Kreml spekulierten, während die amerikanischen Präsidenten ihre Blutdruckwerte veröffentlichten.

Dass körperliche Verletztheit erlaubt ist, ist eine Errungenschaft. Einer der stärksten und besten Politiker Deutschlands sitzt im Rollstuhl .

Menschen, die in die Spitzenpolitik gehen, muss zudem klar sein, dass von ihrer Handlungsfähigkeit das Funktionieren der Republik abhängt. Wer im Cockpit sitzt, muss pilotieren können. Das ist sozusagen Teil des Arbeitsvertrags mit der Bevölkerung. Nicht umsonst steht im Gesetz, dass sich nicht greifbare Minister vertreten zu lassen haben.

Was spricht denn gegen eine Information: Rudolf Anschober ist im Spital, man sucht nach den Ursachen für eine Kreislaufschwäche. Werner Kogler übernimmt für vermutlich zehn Tag die Amtsgeschäfte.

In den letzten Monaten wurde jede Minister-Quarantäne bis hin zum Testergebnis berichtet – unaufgeregt und geradlinig.

Daniela Kittner ist Innenpolitik-Ressortleiterin.

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CONTRA

Politiker ist eine öffentliche Funktion. Das macht einen Funktionsträger aber nicht zum öffentlichen Gut. Wenn Gesundheitsminister Rudolf Anschober (oder Sebastian Kurz oder Gernot Blümel oder Leonore Gewessler) krank ist, so ist das im Rahmen des  Denkbaren.

Nur weil er Gesundheitsminister ist, heißt das nicht, dass er nicht ausfallen darf, weil er eine Erkältung hat, einen Schwächeanfall, oder sich das Bein bricht. Welcher Art seine Unpässlichkeit ist, hat der Öffentlichkeit egal zu sein – außer: Der Erkrankte thematisiert sie selbst.

Gerade Anschober, der in seiner Funktion als oberösterreichischer Landesrat an Burn-out erkrankte, hat sein Maß an Transparenz bereits geleistet: Er hat eine stigmatisierte Überlastungserscheinung öffentlich gemacht, sich in Behandlung gegeben und bewiesen, dass man danach wieder zurückkehren kann.

Dass bei jeder Falte im Hochleistungsjob Gesundheitsminister die politischen Beobachter über einen Rückfall spekulieren, zeigt, wie viel weiteres Lobbying nötig ist. Ein Burn-out ist kein Makel für den Rest des Lebens. Und falls er ihn doch hätte: Wer,  wenn nicht der Gesundheitsminister sollte unter Überlastung leiden? Die Spitzenpolitik ist Raubbau am Körper. Wem das nicht als Opfer reicht, ist unverschämt.

Kann ein Minister sein Amt nicht mehr ausführen, hat er es zurückzulegen. Ist er vorübergehend verhindert, muss er sich vertreten lassen. Anschober kehrt nächste Woche zurück. Wovon, ist seine Sache. Es wartet viel Arbeit auf ihn.
 

Philipp Wilhelmer ist Redakteur im KURIER. Er leitet die Debattenseite.

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