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Meinung
04/26/2019

Pro & Contra: Streitfall Vorsorgekassen

Sustala contra Streissler-Führer. Neuregelung der Abfertigung: War das ein „Meilenstein der Vorsorge“ oder doch eher ein Schritt zurück?

von Sustala contra Streissler-Führer

Agnes Streissler-Führer ist Ökonomin bei der Gpa-djp

Mitarbeitervorsorgekassa,  ein Wort voll Sicherheit und viel besser als das frühere harte Wort Abfertigung: Arbeitgeber legen für Beschäftigte 1,53 Prozent vom Brutto in eine Vorsorgekassa, diese verzinst das Geld. Wer Job wechselt, kann sich das Ersparte entweder auszahlen lassen oder nimmt es als Vorsorgerucksack mit und spart weiter an. Problem 1: 1,53 Prozent sind nicht viel. Der ÖVP Arbeitnehmerbund als ein wichtiger Initiator des Systems hatte ursprünglich vor, dass die Arbeitgeberbeiträge auf 2,5 Prozent ansteigen. Offenbar wurde er vom ÖVP Wirtschaftsbund inzwischen eines anderen belehrt. Problem 2: Das „Vorsorgegeld“ wird auf den Finanzmärkten veranlagt, die nun mal nicht sehr vorsorgegerecht performen. Seit 2004 gab es im Durchschnitt jährlich gerade mal 2,3 Prozent, 2018 kam es sogar zu negativen Veranlagungsergebnissen von minus 1,97 Prozent. Dies auch zur Erinnerung an alle, die gerne Pensionen den Finanzmärkten überlassen würden. Problem 3: Die Vorsorgekassen sind gewinnorientiert. Gewinn für dieses für sie völlig sichere Geschäft machen sie durch Gebühren, die weit über den wahren Kosten liegen. Während die ArbeitnehmerInnen 2018 verloren, wurden an die Eigentümer der Kassen (Banken, Versicherungen) Dividenden in Höhe von 21 Prozent ausgeschüttet. Die Lösung: Höhere Arbeitgeberbeiträge und Begrenzung der Verwaltungskosten. Damit es eine Vorsorge für die Mitarbeiter und nicht für die Finanzindustrie wird. 

Lukas Sustala ist Vizedirektor bei Agenda Austria

Das Magazin profil titelte jüngst „Millionen enttäuschter Gesichter nach Abfertigungsbrief“. Was ist passiert?  Im Vorjahr sorgten Turbulenzen an den Kapitalmärkten für Verluste bei den Vorsorgekassen, die rund elf Milliarden Euro Abfertigungsansprüche von 3,5 Millionen Menschen in Österreich verwalten. Doch die Probleme liegen tiefer, als es ein schwaches Börsenjahr vermuten lässt. Seit 2004 brachten die Vorsorgekassen eine Rendite von nur 2,3 Prozent pro Jahr –das veranlagte Geld wurde nicht weniger,  nach Inflation auch nicht wirklich mehr wert.  Der politische „Meilenstein der Vorsorge“ enttäuscht wegen der Konstruktion. Ihm ging ein sozialpartnerschaftlicher, fauler Kompromiss voraus: Arbeitnehmervertreter wollten die Auszahlungsmöglichkeit nach drei Jahren und eine Kapitalgarantie – zulasten der Rendite. Arbeitgeber drückten den zu zahlenden Beitrag – auf Kosten des angesparten Volumens. Für junge Menschen sind aber Produkte sinnbefreit, die großteils in niedrig verzinste Anleihen investieren, um eine Kapitalgarantie einzuhalten. Es braucht langfristigere, renditeorientierte Produkte, um mit den „Vorsorgekassen“ auch effektiv Vorsorge zu betreiben. In Schweden oder Dänemark bringen private Vorsorgepläne dank höherer Aktienquoten und längeren Zeithorizonts ein Vielfaches an Verzinsung. Eine Eier legende Wollmilchsau mit hoher Rendite, ohne Risiko und rascher Auszahlungsmöglichkeit kann es eben nicht geben.