Meinung
21.05.2017

Danke, mir reicht's!

Ein eleganter und professioneller Rückzug macht glaubwürdig und zeigt Haltung.

Das Gefühl, an den Schrauben des Weltenlaufs zu drehen, ist offensichtlich berauschend.

Gabriele Kuhn | über Rücktrittskultur

"Macht ist das stärkste Aphrodisiakum“ ist ein Satz, der Henry Kissinger, ehemaliger Außenminister der USA, zugeschrieben wird. Damit wäre alles gesagt. Das Gefühl, an den Schrauben des Weltenlaufs zu drehen, ist offensichtlich berauschend – nicht nur für Politiker, auch für Top-Manager aus der Wirtschaft. Sich davon zu verabschieden, ist eine Übung, die nicht vielen gelingt. Was zu bedauern ist, denn wenn es an der Zeit ist, zu gehen, sollte man gehen. Auch das ist Evolution – als einmalige Chance für Erneuerung, sodass andere Kräfte frei werden. Kaum etwas ist schlimmer als Menschen, die die Notwendigkeit dafür nicht spüren können oder wollen – aus lauter Angst, nach dem Abgang womöglich bedeutungslos zu werden. Deshalb verharren manche lieber stur in ihrer Position und verwalten den Stillstand. Aus der geliebten Macht wird dann die Macht der Gewohnheit. Sie wirkt oftmals sehr befremdlich.

Die Kunst des Rückzugs als Führungsstärke

Was mich irritiert: Dass die Sesselkleber völlig das Gefühl dafür verloren haben, wer sie sind und wofür sie stehen. Sie stecken lieber den x-ten Shitstorm in den sozialen Medien weg und allen Buh-Rufen zum Trotz den Kopf in den Sand, als zu sagen: „Danke, mir reicht’s. Ich bin auch nur ein Mensch.“ Weil sie nicht akzeptieren wollen, dass Ruhm so volatil ist wie manche Aktienkurse. Nach wie vor wird unterschätzt, was ein elegant hingelegter und professioneller Rückzug kann. Er steht für (Selbst)verantwortung und beweist Gespür für das, was hier und jetzt zu tun ist. Auch das zeigt Führungsstärke. Daher wird glaubwürdig, wer den Mut hat, sich und sein Tun zu hinterfragen, dabei seiner inneren Stimme folgt und – so schwer es auch fallen mag – loslässt. So ein Rücktritt ist dann auch ein Zeichen für Anstand, weil sich damit endlich wieder etwas umordnen kann. Und er setzt der Leidensfähigkeit ein Ende, die man sich, und vielleicht auch seinem Körper mit zusammengebissenen Zähnen verordnet hat.

gabriele.kuhn@kurier.at