Auf dem Altar der Intrige

Das Sittenbild, das der ORF derzeit täglich auf dem Servierteller präsentiert, ist symbolhaft für unsere Zeit. Ganz nach Machiavelli: Der Zweck heiligt die Mittel.
Martin Gebhart
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Seit dem Rückzug von Generaldirektor Roland Weißmann kommt der ORF nicht mehr zur Ruhe. Nicht nur, weil da der mächtigste Mann auf dem Küniglberg wegen einer Affäre abdanken musste, bei der es vor vier Jahren in einer intimen Beziehung mit einer Untergebenen zu unangemessenem Verhalten gekommen sein soll. Da sind bereits die Anwälte am Wort. Genauso sind es die vielen Nebengeräusche, die die Affäre von Anfang an begleiten und täglich lauter werden. 

Sie zeichnen ein Bild von Machtmissbrauch und Intrigen, wobei dem ehemaligen Medienmanager Pius Strobl von vielen die Rolle des Puppenspielers zugeschrieben wird. In der Tageszeitung Die Presse wurde er sogar als „Machiavelli der Grünen“ bezeichnet. In Anlehnung an den italienischen Staatsphilosophen Niccoló Machiavelli aus dem 16. Jahrhundert, dessen Grundthese es war, dass der Zweck die Mittel heiligt. Und weil Strobl, der ehemalige Mann fürs Grobe im ORF, parteipolitisch den Grünen entstammt.

In der Politik ist Machiavelli nie aus der Mode gekommen. Es kann davon ausgegangen werden, dass seine Werke wie „Der Fürst“ auf den Nachtkästchen der Parteistrategen einen festen Platz haben. Wie die Bibel bei den Geistlichen. Es wird auch danach gehandelt. Man nehme die österreichische Innenpolitik, wo Umfragen manipuliert worden sind, um einen Machtwechsel einläuten zu können. Die juristischen Ermittlungen laufen noch. Oder gezieltes Dirty Campaigning, um den politischen Gegner bloßzustellen. Um zwei Beispiele zu nennen. Die Moral spielt da keine Rolle, das Streben nach Macht aber schon. Wobei keine Partei ausgenommen werden kann. 

Man nehme aber auch die Weltpolitik, wo der Zweck, wo die Stärke aktuell jegliches Gegenargument erdrückt. Das Wort Völkerrecht wurde zuletzt nur noch hinter vorgehaltener Hand in den Mund genommen. Die Werthaltungen haben sich mittlerweile auf sehr vielen Ebenen extrem verschoben. Das ist der Zeitgeist. Und Institutionen wie die Kirche haben nicht die Kraft, diese wieder gerade zu rücken.

Dass im ORF – inklusive Stiftungsrat – ein Sumpf aus Intrigen und Machtspielchen offen gelegt wird, darf niemanden wirklich freuen. Es geht jetzt nicht mehr nur um den Ruf des größten Medienanbieters in Österreich, es geht um das Vertrauen in die Branche. Der ORF spielt in diesem Konzert eine besondere Rolle, die erste Geige. Umso größer ist der Schaden, den diese Affäre anrichtet.

 Interims-Generaldirektorin Ingrid Thurnher hat bei ihrem ersten Auftritt „volle Transparenz mit aller Konsequenz“ versprochen, wenn es um die Aufarbeitung der jüngsten Vorfälle geht. Das wird nicht reichen. Der ORF muss großflächig neu aufgestellt werden, damit den Intrigenspielern, den Machiavellisten, der Boden entzogen wird.

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