© Ulli Engleder

Gastkommentar
05/22/2020

Norwegische Verhältnisse

Was wir von der Kleinkinderbetreuung im Norden lernen könnten

Kindergarten. Wenn man bei uns in Österreich Personen im Fernsehen sieht, die für Kindergärten bzw. den kommenden „Normalbetrieb“ zuständig sind, wird seit ein paar Wochen mantraartig wiederholt: „Abstand halten kann man nicht verlangen von den kleinen Kindern, also kann man eigentlich nichts tun“ und dann folgt hilfloses Schulterzucken.

Norwegen kann das offenbar besser. Man könnte wie dort die Kontaktzahl unter den Kindern verringern. In Norwegen etwa wurden die Gruppenzahlen der Kinder gedrittelt: Wo vorher 18 Kinder in der Gruppe waren, sind es jetzt immer dieselben 6 Kinder mit je einem Erwachsenen. Und die sind in verschiedenen Räumen; wobei „Draußen“ auch ein Raum ist. Dass man norwegische Verhältnisse nicht 1:1 auf Österreich übertragen kann, ist klar, aber es sollte in Österreich nicht verboten sein, kreativ zu denken.

Es soll dabei nicht in Abrede gestellt werden, dass sich derzeit viele Verantwortliche den Kopf zerbrechen und viel getan wird, damit Infektionen hintangehalten werden. Allerdings ist schon die Diktion „Kinder nur in den Kindergarten zu geben, wenn die Eltern Bedarf haben“ schlimm genug. Die Verwendung des Begriffes „Bedarf“ wird dem vieldimensionalen sozialpädagogischen Geschehen eines Kindergartens in keiner Weise gerecht, sondern assoziiert simple Bedürfnisbefriedigung oder Erledigung einer unabdingbaren Notwendigkeit. Ein Kindergarten ist keine Waschmaschine und ein Kind ist kein Wäschestück, das man, wenn es schmutzig ist, in die Waschmaschine steckt.

Einfache Rechnung

Konkretes Rechenbeispiele: Wenn 3 Personen beisammen sind, gibt es bei 6 Personen 20 Möglichkeiten und bei 18 Personen 816 Möglichkeiten des Kontaktes, also mehr als das Vierzigfache; bei 2 Personen von 6 gibt es 15 Möglichkeiten und bei 2 Personen von 18 gibt es 153 Möglichkeiten der Gruppenbildung. Dass man nicht einfach neue Räume schaffen kann, ist klar.

Aber rein mathematisch gesehen ist es besser, Kinder in dauerhaften Kleingruppen in begrenzten Raumgebieten zu beschäftigen als in Großgruppen weiterzuarbeiten. Wie ist der Unterschied zwischen Österreich und Norwegen möglich? In Norwegen genießt der Kindergarten offenbar einen höheren Stellenwert. Vielleicht bräuchte es mehr Personal, um mit kleineren Untergruppen zu arbeiten. Ab Ende Mai könnten z. B. Absolventen diese Lücke füllen. Das braucht Geld – na und? Sparen bei den Kleinsten? Für andere Bereiche nimmt die Regierung auch Geld in die Hand, und da nicht in zu kleinen Beträgen.

Gerade weil unter Forschern nicht geklärt ist, inwieweit kleine Kinder ansteckend sind, ist ein Sparen oder Unterlassen von Antwortgeben auf die Krise nicht angesagt. Und dass vielleicht Großeltern in Österreich ihre Enkelkinder im Kindergartenalter erst in einigen Monaten oder einem Jahr wiedersehen können, ohne sich einer drastisch erhöhten Infektionsgefahr auszusetzen, müsste nicht sein. Und ich frage mich, wozu wir Großeltern im März und April Abstand zu den Enkeln gehalten haben, als diese de facto in Heimquarantäne waren.

Renate Birgmayer ist Unternehmensberaterin, Schulentwicklungsberaterin, Mathematikerin, Großmutter.