© REUTERS/IAN CHEIBUB

Mein Freitag
06/25/2021

Zu wütender Musik schwitzend sitzen: Wenn Thrash Metal nachdenklich stimmt

Warum vieles sehr schrecklich ist, aber dennoch alles gut wird.

von Michael Hammerl

Dieser Türsteher macht keine halben Sachen. „3-G“ kontrolliert der langgraubärtige Hüne so penibel, dass die Warteschlange bereits die überschaubare Besucherzahl übersteigt. Seinen Appell schmettert der Wikinger jeder neuen Gruppe unermüdlich entgegen: „Wenn die Band Sie auffordert aufzustehen oder zu tanzen, dann bleiben Sie sitzen!“

Wer dieses Prozedere überlebt, sitzt maskiert in einem 40-Grad-Plus-Inferno. Nein, keine der Bands kann sich Pyrotechnik leisten. Aber der Veranstalter offenbar auch keine Klimaanlage. Und dann hört man Thrash Metal.

Diese Spielart lebt von unheilvollen Abhandlungen über den Tod, einschlägiger Theologie, Körpersäften, Krieg und noch mehr Krieg. Getragen von mörderischer Geschwindigkeit, damit es klingt wie Trommelfeuer. Anrempeln, Bierdusche und Gegröle vervollständigen eine Illusion von Grauen und Gewalt, deren Selbstironie jeder halbwegs intakte Geist erahnen sollte.

Platznot

Gelähmt sitzend, mit Maske, schweißgebadet, bei Trinkverbot, gerät man allerdings in eine Sinnkrise. Was läuft falsch mit mir? Denke und bin ich noch? Sollte sich die Delta-Variante durchsetzen, wird die Jugend dann sagen, dass sie „krass Alpha“ ist? Es kommt noch besser. Die „Organisatoren“ haben Sitzplätze doppelt vergeben.

Auch das dürfte die lange Schlange am Eingang bedingt haben. Andersrum hätte es noch Sinn ergeben: gewissen Gästen zwei Plätze zugestehen. Passenderweise begegnet die Szene der Pandemie nämlich mit Sitzfleisch. Die Stimmung? Breiten wir den Mantel des Schweigens über das wütende Schweigen.

Besser dran ist dieser Tage, wer von Regenbögen und Ballspiel beseelt im Biergarten verdorrt. Wenn dann noch der Kanzler von der Leinwand lächelt, erinnert man sich wieder: Alles wird gut.

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