Als man zu Lockdown noch Fasten sagte

Als man zu Lockdown noch Fasten sagte
In Zeiten, wo wir ohnehin aufs Schnitzel beim Lieblingswirten und auf den Spritzer in der Lieblingsbar verzichten müssen, könnte man es ja fast vergessen – aber wir sind mitten in der Fastenzeit.
Laila Docekal

Laila Docekal

Sonst hat mich immer mein lieber Kollege A. daran erinnert, weil er ohne seinen Kaffee grantig war, ohne seine Zigaretten gereizt und beim Mittagessen in der Kantine galant an Fleisch und Süßem vorbei bestellt hat. 40 Tage lang Verzicht üben, dann war er wieder der Alte. Ein schönes, alljährliches Ritual, das gepflegt gehört.

Vor einigen Jahren war ich neugierig darauf, am Ramadan teilzunehmen – also bin ich früh morgens aufgestanden, um vor Sonnenaufgang noch etwas zu essen, habe tagsüber nur Wasser getrunken und nach Sonnenuntergang an einem Fastenbrechen teilgenommen. Zugegeben, tagsüber war es für mein Umfeld ab einer gewissen Uhrzeit schwierig, zwischen meinem Grummeln im Bauch und dem meiner eisernen Miene zu unterscheiden. Umso mehr schlug die Stimmung in Euphorie um, sobald die Sonne untergegangen war und man sich zum gemeinsamen Fastenbrechen traf – quasi eine tägliche Afterworkparty. Auch schön, aber einen ganzen Monat habe ich nicht durchgehalten.

Weniger Tradition, aber mehr Trendfaktor gibt’s mit Detox, Fastenkur, Heilfasten oder auch Intervallfasten. Hat auch mit Hunger und Ritualen zu tun, aber meist weniger mit Spiritualität. Das Ziel ist nicht, sich auf das Wesentliche im Leben zu beschränken, sondern seinen Körper durchs Abnehmen auf das Wesentliche zu reduzieren. Wer damit liebäugelt, hat in der Pandemie gerade die besten Voraussetzungen: Keine Versuchungen durch Restaurants, Bars oder gesellige Essensrunden mit Freunden.

laila.docekal@kurier.at

Kommentare