Mehr Ehrlichkeit im Wiener Spitalsärztestreit

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über Wiener Spitalsärzte
09/06/2016

Mehr Ehrlichkeit im Wiener Spitalsärztestreit

GASTKOMMENTAR

von Ernst Wolner

In den Wiener Spitälern gibt es eklatanten Facharztmangel

Prof. Dr. Ernst Wolner | über Wiener Spitalsärzte

Vierzig Nachtdienste sollen in den Wiener KAV-Spitälern gestrichen werden, dafür mehr ÄrzteInnen unter Tag im Spital anwesend sein. Damit sei die Versorgung in der Nacht nicht gewährleistet, Patienten werden verbluten, Herzinfarkte nicht rechtzeitig behandelt, Patienten an diabetischem Koma sterben.

So etwas kann eine verantwortungsvolle Standesvertretung nicht zulassen, daher Streik.

Die Wahrheit schaut etwas anders aus. Es werden durch die geplanten Einsparungen keine Patienten zu Schaden kommen, da die Nachtdienste vor allem in den Fächern gestrichen werden, bei welchen auch bis jetzt in der Nacht kaum Handlungsbedarf bestand.

Tatsächlich geht es um etwas ganz anderes. Wien hatte vor der Reform sehr ärztefreundliche Dienstzeiten. Bei fünf Nachtdiensten im Monat genügte eine Arbeitszeit von 8 bis 13 Uhr, um die in den Kollektivverträgen festgelegte Arbeitszeit zu erreichen. Nachmittags konnten sich die in den KAV Spitälern tätigen Fachärzte – auch ein Wiener Spezifikum – ungestört ihren Privatordinationen widmen. Jetzt sollen sie anstelle am Nachmittag privat zu ordinieren, im Spital arbeiten. Dies ist der eigentliche Konflikt.

Rettende Maßnahme

Auch die Gemeinde spielt nicht ehrlich. Die von der Stadträtin stets ins Treffen geführte Gehaltserhöhung war nicht freiwillig, sie war eine Lebensnotwendigkeit, um den Betrieb aufrechterhalten zu können.

In den Wiener Spitälern gibt es in etlichen Fächern eklatanten Facharztmangel. Hätte man die Gehälter nicht erhöht, wären noch mehr FachärzteInnen abgewandert und man hätte Nachtdienste gar nicht streichen müssen, weil man dafür kein Personal gehabt hätte.

Auch sollte das Management des KAV zugeben, dass die vorgesehenen Maßnahmen nicht nur eine Betriebsoptimierung sind, sondern vor allem Einsparungen. Man muss solche Probleme nur kommunizieren und der Belegschaft nicht das Gefühl geben, dass sie belogen wird.

Gestörtes Klima

All dies erklärt nicht, dass 92 Prozent der ÄrzteInnen die Kampfmaßnahmen der Ärztekammer unterstützen. Offensichtlich ist das Betriebsklima im KAV schwer gestört. Hört man sich um, wird dem Management Unfähigkeit bescheinigt, was nicht stimmt, denn Generaldirektor Jansen bemüht sich redlich, den rigiden Spitalskoloss zu reformieren.

Er ist aber offensichtlich nicht fähig, das Personal als Betroffene seiner Maßnahmen zu Beteiligten zu machen. Auch ist das zu erwartende Desaster beim neuen Nordspital – Kostenüberschreitungen um einen dreistelligen Millionenbetrag und eine Verzögerung des Vollbetriebes um mindestens drei Jahre – nicht gerade geeignet, dem KAV besondere Kompetenz zuzugestehen.

Zu sagen, wie die Stadträtin, ich verhandle nicht, genügt nicht. Die Kammerführung wiederum ist gut beraten, die Patienten bei ihrer Argumentation aus dem Spiel zu lassen und nicht verbrannte Erde zu hinterlassen. Man wird zusammenarbeiten müssen.

Univ. Prof. Dr. Ernst Wolner war u. a. auch Mitglied des Wiener Landessanitätsrates.