Italien und die WM: Kein Rinascimento vor Ostern
Tutto in burro, wie man auf wienerischen sagen würde? Mitnichten, weil die Fußballer vom Stiefel einen ebensolchen spielen seit geraumer Zeit. Freud und Leid, diese Gemütszustände liegen oft knapp beisammen, vor allem im Fußball. Während sich Österreich auf die erste Weltmeisterschaft seit 28 Jahren freut, fand die erhoffte Wiedergeburt des italienischen Fußballs, der Rinascimento, knapp vor Ostern nicht statt.
Zum dritten Mal in Folge blicken die Azzurri in die Röhre, würde es noch Röhrenfernseher geben. Die waren vielleicht vereinzelt noch verfügbar bei der letzten WM-Teilnahme 2014. Eine WM ohne Italien war 2018 wie ein Adria-Strand ohne „Coco bello“-Rufe, eine WM ohne Italien war 2022 wie die Mailänder Scala ohne hohes C. Und 2026? Gewohnheit. Aufgrund des Hattricks im Scheitern wissen junge Römer und andere Italiener gar nicht, wie emotional man eine Fußball-WM in Bella Italia erleben kann, wenn die Squadra Azzurra mitkickt.
Während sich das zweite große mediterrane Fußballland Spanien zum großen WM-Favoriten aufschwingt, deliriert Italien im Mittelmaß. Das Scheitern kam nicht über Nacht, sondern hielt schleichend Einzug. Weil die heimische Liga, die Serie A, schon lange nicht mehr das Maß aller europäischen Fußballdinge ist wie in den 1980er- und 1990er-Jahren, als die Superstars des Kicks wie ein Platini, Van Basten, Maradona, Matthäus, Zico oder Zidane noch groß aufspielten.
Der noch aktuelle Teamchef Gennaro Gattuso entschuldigte sich nach der Pleite in Bosnien-Herzegowina bei der ganzen Nation, dabei verkörpert er das Mittelmaß in der Coaching Zone ebenso wie seine Spieler auf dem Feld. Italien fehlen Kicker mit dem Prädikat Weltklasse, ja gar mit Europaklasse. Die Zeiten eines Del Piero und Totti liegen zurück, selbst die Cabrinis und Gentiles, einst gefürchtete Raubeine in azurblauen Dressen, zählten zu den Besten ihrer Zunft.
Im italienischen Fußball fehlt es an der nötigen Infrastruktur, nicht wenige Stadien wirken auf den ersten Blick einsturzgefährdet, auf den zweiten sind sie es auch. Die Serie A hat sich nach einem kurzen Hoch wieder wie ein Aktienindex nach unten entwickelt, in europäischen Wettbewerben spielen die Klubs – Inter vielleicht ausgenommen – nur noch Nebenrollen.
Die wirklich guten Fußballer machen in ihrer Blütezeit einen Bogen um Italien, genießen vielleicht am Ende ihrer Karriere das Dolce Vita. Umstände, die dem Calcio nicht zuträglich sind. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer: Italien veranstaltet gemeinsam mit der Türkei 2032 die Europameisterschaft, wird neue Arenen errichten und darf dadurch auf einen Aufschwung hoffen. Davor wird man einmal mehr sein Glück versuchen – für die WM 2030.
Ci vediamo.
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