Appell an die Österreicher: "Entpört euch!"

Es wird Zeit, wieder mehr kühlen Kopf zu bewahren und Auseinandersetzungen mit weniger Emotion zu führen.
Martina Salomon
Angry shouting female mouth and empty speech bubble. Pop art vector illustration.

Die französische Streitschrift „Empört euch!“ wurde 2010/11 zum Weltbestseller. Eineinhalb Jahrzehnte später müsste man eher das Gegenteil fordern: „Entpört euch!“ Denn mittlerweile ersetzen Kontroversen jede vernünftige Diskussion. Was wiederum stark populistischen Parteien nützt – und wahrscheinlich auch Teil eines hybriden Kriegs von Staaten wie Russland ist, die mittels (KI-gesteuerter) Desinformation Unzufriedenheit mit den herrschenden Systemen säen.

Kühlen Kopf zu bewahren ist trotz aller berechtigter Kritik Bürger- (und sowieso Politiker-)Pflicht. Nein, es muss nicht der gesamte ORF in Grund und Boden gestampft werden, weil der gekündigte Generaldirektor ein unwürdiges Verhalten gegenüber einer Frau an den Tag gelegt hat. Nein, der Staat hat den Bürgern im Rahmen der Pandemiebekämpfung nicht bewusst die Freiheit genommen (ein rechtes Mantra) – aus Sorge und Nichtwissen aber tatsächlich überreagiert. Und nein, der an der Ostsee gestrandete Buckelwal Timmy kann trotz maximalen Einsatzes rivalisierender Retterinitiativen nicht mehr durch Menschenhand gerettet werden, auch wenn sein Schicksal unser Herz berührt.

Eine Emotions- und Empörungskultur, die Politik pauschal verdammt, macht westliche Länder zunehmend unregierbar. Denn wer in der Wirtschaft reüssiert, wird einen Teufel tun, sich in die Spitzenpolitik zu wagen, wo man weniger verdient, für alles seinen Kopf hinhalten muss und wegen mühsamer Koalitionen sowie Angst vor Wahlverlusten kaum noch etwas bewegen kann. Oder es werden – ganz im Gegenteil – Rabiatperlen à la Trump an die Macht gespült, die sich um keinerlei politische oder diplomatische Gepflogenheiten scheren und alle Verfassungsgrenzen austesten.

Klar, gegen beide „Modelle“ müsste man sich wiederum „empören“. Aber weil die Stimmung ohnehin schon so aufgeheizt ist, werden nur die lautesten, aber nicht unbedingt die klügsten Stimmen gehört. Das Wahlvolk wendet sich daher angewidert von Politik und Medien ab, wünscht sich mehr „good news“, die halt leider momentan wirklich rar sind – besonders aus der Sicht saturierter Länder mit hoher Abstiegsgefahr wie Österreich.

Wie kommt man da wieder raus? Mit mutiger Politik, die nicht nur auf „Herz“, sondern auch auf Hirn setzt, Notwendiges einfach tut und Kritik aushält. Mit „Social-Media-Detox“ und konstruktivem Journalismus, der nicht nur Widersprüche aufeinanderprallen lässt, sondern auch Lösungen aufzeigt. Mit einem Besinnen darauf, wie gut es uns vergleichsweise geht, auch wenn tiefgreifende Reformen nötig sind, um den Wohlstand zu erhalten. Weder mit Empörung noch mit ideologischem Blendwerk ist ein Staat zu machen.

Porträt von Martina Salomon vor dem Schriftzug „Kurier Kommentar“.

KURIER-Herausgeberin Martina Salomon

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