Ziemlich viel Arbeit
Man muss keine Mutter, man muss auch keine Frau sein, wenn man beim Lesen dieses Satzes vor Wut an die Decke gehen möchte: „Ich würde Kinderbetreuung nicht als Arbeit sehen.“ So sagte es Kanzler Christian Stocker am Donnerstag bei einem Bürgergespräch in Salzburg. Und wäre es nur bei diesem – einen, empörenden – Satz geblieben, müsste man einen Absetzungsantrag für die Kanzlerschaft stellen.
Denn wer Kinderbetreuung nicht als Arbeit sieht – auch wenn sie meist unvorstellbar großes Glück bedeutet –, hat nie nächtens bei einem kranken Kind am Bett gesessen. Ist nie einem Einjährigen in absolut jeder Sekunde des Tages nachgelaufen, hat nie Nudeln für die Kids gekocht, Vokabeln abgeprüft, die Windeln gewechselt, Tonnen von Schmutzwäsche gewaschen und am Abend, wenn die Kleinen endlich eingeschlafen sind, angefangen, das Chaos zu beseitigen und aufzuräumen. Wer behauptet, Kinderbetreuung sei keine Arbeit, hat nie diese in den Knochen sitzende Erschöpfung gespürt, wenn man tagsüber alles für seine Kinder gegeben hat. Wer behauptet, all dies sei keine Arbeit, entwertet diese unschätzbare, tatsächlich unbezahlbare Leistung – ohne die unsere Gesellschaft, unsere Familien, unsere Zukunft zusammenbrechen würden.
Bei seiner – zugegeben ziemlich verunglückten – Antwort auf eine Frage zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf hatte Stocker allerdings nicht nur einen Satz geäußert, sondern versucht, ein Bild zu zeichnen. Eines von „gegenseitiger Verantwortung“, ein nicht in Geld aufzuwiegendes christliches, heiles Familienideal. Familie sei kein „Business-Modell“, meint der Kanzler. Zumindest darin hat er unbestreitbar recht.
Österreichs Regierungschef dürfte aber auch der irrigen Annahme anhängen, dass sich hierzulande die Idee schon durchgesetzt hätte, dass Familienväter mittlerweile genauso viele Pflichten, Arbeiten und Zeit für die Familie auf sich genommen haben wie deren berufstätigen Frauen. Schön wäre es. Das 50-50-Prinzip hat sich auch in den jungen Familien dieses Landes längst noch nicht durchgesetzt, und das hat nicht nur mit noch immer nicht ausreichenden Kinderbetreuungseinrichtungen zu tun.
Sondern mit einem aus der Zeit gefallenen Bild, wie viele Männer und leider auch nicht wenige Frauen noch die Welt der Familien sehen: als eine Aufgabe, die zu einem Großteil Frauen zufällt. Wenig bedankt. Kaum wertgeschätzt. Selbstverständlich. So wie es eben immer war. Der Kanzler hat sich mittlerweile für seine Wortwahl entschuldigt. Die Frage aber ist: Hätte eine Mutter, im Idealfall auch Kanzlerin, bei einer Frage von Vereinbarkeit von Familie und Beruf geantwortet mit „Kinderbetreuung ist keine Arbeit?“ Nie und nimmer.
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