Arnulf Rainer im Stephansdom: Sturm im Weihwasserglas
Tu felix Austria! Nein, das ist kein Latein-Kommentar, sondern einer über ein Land, das sich glücklich schätzen darf, weil nirgendwo sonst so leidenschaftlich über Kunst gestritten wird. Im Stephansdom werden gerade 77 Kreuz-Bilder des kürzlich verstorbenen Malers Arnulf Rainer gezeigt. Sie gehören dem Sammler Werner Trenker. Laut ihm hat Rainer ein Jahr vor seinem Tod der Ausstellung zugestimmt – das aber später als Missverständnis zurückgenommen. Nun wütet die Familie quer durch alle (sozialen) Medien gegen die Präsentation an diesem Ort.
Der Sammler war vergeblich um Kalmierung bemüht. Im Dom wird darauf hingewiesen, dass Rainer „die nicht-sakrale Bedeutung seiner Kreuze hervorhebt“. Dabei hat der Künstler und Provokateur durchaus eine gemeinsame Geschichte mit der Kirche. So wurde er schon in jungen Jahren vom Domprediger Otto Mauer gefördert und in dessen „Galerie nächst St. Stephan“ ausgestellt. Er ließ sich Ehrendoktorate von zwei katholisch-theologischen Universitäten verleihen und von Bischof Kapellari würdigen. Seine Bilder hängen schon jetzt in kirchlichen Zusammenhängen, auch als Altarbild. Logisch, das Kreuz ist seit gut zweitausend Jahren ein christliches Symbol.
Gegner der Ausstellung (und wohl auch der Kirche) schimpfen, dass der Wille des Künstlers missachtet wurde. Aber dann müsste man auch Thomas-Bernhard-Aufführungen im Burgtheater verbieten, weil das Bernhards fester Wille war. Und sind die Bilder nicht Eigentum des Käufers, der sie ausstellen kann, wo er möchte? Natürlich hat Rainer die Auseinandersetzung mit der Kirche in jeder Hinsicht gesucht. Das war in den 1960er-Jahren Avantgarde. Wäre es von der Gegenwartskunst aber mittlerweile nicht deutlich mutiger und zeitgemäßer, sich mit den radikalen Auswüchsen des Islam auseinanderzusetzen, als sich stets am aufgeklärten Christentum zu reiben?
Zynisch bemerkt hätte es keine bessere PR-Maschinerie für die Rainer-Ausstellung geben können. Aber das wollen wir der Familie gar nicht unterstellen. Ja, man kann durchaus die Hängung der größeren Bilder bemängeln (weniger wäre wohl mehr gewesen). Aber letztlich ist es wunderbar, wenn Menschen in eine Kirche strömen, um die spirituelle Erfahrung von Kunst in religiösem Kontext zu erleben. Wären die überragenden Werke von Romanik, Gotik, Renaissance oder Barock ohne die katholische Kirche denkbar? Der neue Erzbischof Josef Grünwidl hat sich zur Kunst im Dom bekannt. Was nicht selbstverständlich ist. 2024 musste Dompfarrer Faber eine Helnwein-Installation absagen, weil sie als „gotteslästerlich“ kritisiert worden war. Nun also Arnulf Rainer. Gehet hin und schaut euch die Bilder im Dom an. Und freut euch darüber, dass wir – scheinbar – keine anderen Sorgen haben.
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