Salomonisch: Scheitern verboten

Martina Salomon
Foto: KURIER- Gruber

Martina Salomon zur "Kultur des Scheiterns"

Es ist gerade modern geworden, eine "Kultur des Scheiterns" zu beschwören und Scheitern als Chance zu begreifen. Das ist positiv, weil dies immer noch ein Tabuthema ist, wie der Chef der "Anonymen Insolvenzler" kürzlich eindrucksvoll in den KURIER-Karrieren geschildert hat.

Eine Gesellschaft, die das Scheitern ächtet, ist risikoscheu und innovationsfeindlich. Bahnbrechende Erfindungen oder den erfolgreichen Aufbau einer Firma schafft man nicht, indem man immer auf Nummer sicher geht: Wer wagt, gewinnt. Nur selten verlaufen Karrieren großer Persönlichkeiten ohne Irrwege und Brüche. Apple-Ikone Steve Jobs hat das sehr anschaulich beschrieben. Gott sei Dank spricht es sich nun auch in Österreich herum, dass ein gescheiterter Unternehmer nicht einfach nur ein Versager ist.

Aber geben wir auch der Politik eine zweite Chance? Darf ein Vertreter dieser Spezies ungestraft sagen: "Hier habe ich geirrt?" Eher nicht. Politiker stehen unter Generalverdacht, obwohl die Mehrheit "sauber" ist. Man erwartet nicht Volksvertreter, sondern Übermenschen und macht ihnen Dinge streitig, die in höheren Positionen der Wirtschaft Standard sind, etwa das Dienstauto. Ihre ein Vierteljahrhundert alten Dissertationen werden seziert und geschmäht, doch die damaligen Doktorväter bleiben ungeschoren. Viele Veranstalter schmücken sich mit Politikern, während Letzteren vorgeworfen wird, sich einladen zu lassen. (Wobei man selbstverständlich erwartet, dass der Abgeordnete in jedem Gasthaus eine Runde ausgibt.)

Wenn Minister mit ihren Reformen an starken Lobbys scheitern, kritisiert man eher die Volksvertreter als die Lobbys. Natürlich führt das zu mutlosen Hinsichtl-Rücksichtl-Politikern. Selbst die wenigen Querdenker, die es früher mal gab, sind von der Bildfläche verschwunden, ohne dass eine neue, freche martina.salomon@kurier.at

Generation nachgewachsen ist. Die engagieren sich irgendwo, nur nicht in Parteien.

Wir legen die Latte für den einzelnen Politiker zu hoch. Das aber erzeugt nicht größere Persönlichkeiten, sondern kleinere, die bequem darunter passen. Diese würden natürlich nie zugeben, dass sie gelegentlich scheitern. Und wir würden es ihnen auch nie verzeihen.

(kurier) Erstellt am
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