über die nächste Nationalratswahl
01/06/2017

Warum Strache bald Dritter bleiben könnte

Van der Bellens Wahlsieg wird nicht nur im Ausland zunehmend als Niederlage des Populismus gesehen.

von Josef Votzi

Warum Strache im Duell Kern-Kurz bald Dritter bleiben könnte.

Josef Votzi | über die nächste Nationalratswahl

Alfred Gusenbauer lebte anfangs gut davon, unterschätzt zu werden. Als sich Wolfgang Schüssel 2000 vom dritten Platz mithilfe Haiders ins Kanzleramt katapultierte, brach in der SPÖ die tiefe Depression aus. Nach dreißig (!) ununterbrochenen SPÖ-Kanzlerjahren galt der Chefsessel am Ballhausplatz als Erbpacht. Um den Job des Oppositionsführers riss sich niemand. Als Michael Häupl nach Viktor Klimas Abgang Alfred Gusenbauer als neuen roten Hoffnungsträger aus dem Hut zog, war die Erleichterung unter den Spitzengenossen groß, dass sie nicht in den sauren Apfel beißen mussten. An eine baldige Rückeroberung des Kanzlersessels glaubte niemand.

Der unterschätzte und – da und dort auch belächelte – "Gusi" schaffte das Kunststück und eroberte 2006 den ersten Platz und damit den Anspruch auf den Kanzler zurück. Gusenbauer wollte aber nicht mehr mit jenen Schwarzen, die ihn sechs Jahre lang gedemütigt hatten, regieren, sondern nach dem Vorbild Bruno Kreiskys eine Minderheitsregierung riskieren. Bei seinem Vorhaben, die Republik gleich ein zweites Mal zu verblüffen, machte ihm aber Heinz Fischer einen Strich durch die Rechnung. Der eiserne Großkoalitionär verweigerte als Bundespräsident dem politischen Experiment seinen Segen.

Mehrheit jenseits von Schwarz-Blau möglich

Gusenbauer hat seinen Traum, eine rote Mehrheit jenseits der ÖVP zu suchen, offenbar bis heute nicht aufgegeben, ausleben soll ihn ein anderer. Im KURIER-Interview stellt er die hochspannende These auf, nach dem überraschend deutlichen Wahlsieg von Alexander Van der Bellen tue sich auch für die kommende Nationalratswahl eine vollkommen neue Perspektive auf: Die Chance auf eine Mehrheit jenseits von Schwarz-Blau und damit einen roten Kanzler ohne schwarze Beteiligung. Seit den 80er-Jahren galt bisher als eiserne Regel: In Österreich gibt es eine strukturelle schwarz-blaue Mehrheit von mehr als 50 Prozent. Regenbogenkoalitionen von Rot, Grün und zuletzt auch Pink liefen unter Fantasterei.

Die fast 54 Prozent für den Regenbogen-Kandidaten Alexander Van der Bellen markieren für Gusenbauer gar einen Meilenstein: "Österreich war das erste Land, das mit dem Aufstieg Haiders vom Rechtspopulismus angekränkelt wurden. Wir könnten nun den Beweis erbringen, dass Österreich das erste Land ist, das diese Art von Politik wieder abschüttelt." Im benachbarten Ausland fragen immer mehr bei Van der Bellens Wahlmanagern nach: Wie habt ihr das Kunststück zustande gebracht, den als Sieger gesetzten Populisten Norbert Hofer erfolgreich in Schach zu halten? Hierzulande klingt die Chance auf eine Wiederholung dieses Kunststücks noch mehr nach einem frommen Nachweihnachtswunsch. Fakt ist aber: Mit dem Wechsel von Faymann zu Kern als SPÖ-Frontmann und dem wahrscheinlichen Wechsel von Mitterlehner zu Kurz als ÖVP-Hoffnungsträger werden die Karten für den nächsten Wahlkampf neu gemischt. Die bislang in allen Umfragen fix als Nr. 1 gesetzte FPÖ könnte so von links und rechts massiv unter Druck kommen. In allen Persönlichkeits-Rankings wird Strache schon jetzt von Kern und Kurz auf Platz 3 verwiesen. Das gerade anlaufende Jahr verspricht mehr denn je, spannend zu werden. Das nächste Kanzler-Duell könnte nicht, wie lange erwartet, zwischen Blau und dem Rest der innenpolitischen Welt, sondern zwischen Kern und Kurz ausgetragen werden – mit Strache als Drittem, der seine Rolle in diesem neuen Duell erst finden müsste.

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