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04.09.2017

TV im Wahlkampf – das bringt Emotionen

Die Deutschen bekamen nur ein Kanzlerduell – bei uns wird schon im Vorfeld mit allen Mitteln gekämpft.

Parteien raus aus dem ORF, muss es lauten, dann soll jeder Urlaub machen, mit wem er will.

Dr. Helmut Brandstätter | Über TV-Konfrontationen

Zwei Wahlkämpfe – zwei extreme Zugänge zum Thema Fernsehen. Während in Deutschland gestern Abend das einzige Duell der beiden Kanzlerkandidaten im TV stattfand, müssen oder dürfen die österreichischen Spitzenkandidaten in den kommenden Wochen die Studios von ORF und einigen privaten Sendern kaum verlassen. Ist es wirklich demokratischer, ständig im Fernsehen dieselben Parolen zu wiederholen, gibt es überhaupt einen Erkenntnisgewinn im Fernsehen, wo uns die Wissenschaft beweisen kann, dass hauptsächlich Emotionen über den Bildschirm kommen?

Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Kandidat Martin Schulz hatten sich kräftig in die Vorbereitungen eingemischt. Schulz hätte gerne öfter diskutiert, das tun Herausforderer im Rückstand immer. Die Kanzlerin wiederum bestand auf genauer Sendungsplanung, wo vier Moderatoren von privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern fragen durften. Ein Duell gab es gestern Abend also nicht, eher eine Befragung der Kandidaten, obwohl sich die Bildregie bemühte, Reaktionen des jeweils zuhörenden Kandidaten einzufangen. Aber Merkel und Schulz sind Sachpolitiker, die ihre Differenzen eher ruhig austrugen. Schulz vertrat die – auch in Österreich populäre Meinung – die Beitrittsgespräche der EU mit der Türkei müssten sofort gestoppt werden, Merkel sprach sich gegen einen Türkei-Beitritt aus, sah aber keine Mehrheit im Kreis der EU-Regierungschefs. Da lässt sich schwer streiten.

Emotional wurde es dann doch, als Schulz auf seine n Satz angesprochen wurde, Merkels Weigerung zu mehr öffentlichen Debatten sei "ein Anschlag auf die die Demokratie. " Merkel lächelt verhalten, weil sie merkt, dass das peinlich für Schulz ist, mehr nicht. Dieser redet sich kurz heraus, mehr passiert da nicht zwischen zwei Menschen, die einander offenbar respektieren.

Wozu noch öffentlich-rechtliche TV-Sender?

In Deutschland wie in Österreich hat sich wieder der Krampf der öffentlich-rechtlichen Rundfunksysteme gezeigt, die immer weniger in eine offene Gesellschaft mit unbeschränktem Zugang aller Menschen zu Information passen. Wobei gerade bei uns alle Parteien , die gerade können, unverschämt auf den ORF zugreifen, wozu sie bei jeder Wahl von Generaldirektor Wrabetz geradezu eingeladen wurden. Der KURIER hat einmal ein Papier aus dem Jahr 2006 veröffentlicht, wo Wrabetz vor seiner ersten Wahl mit dem damaligen BZÖ-Chef Westenthaler Posten im ORF auspackelte. Warum soll es später anders gewesen sein? So werden auch Redakteure, die sich oft durchaus bemühen, unabhängig zu berichten, gleich zwei Mal missbraucht. Von den Parteien, denen es nur um ihren Einfluss geht, und der ORF-Führung, die sich bei der jeweiligen Macht anbiedert.

Ob Merkel Kanzlerin bleibt oder doch noch Schulz gewinnt: Beide haben gestern das Grundgesetz, Artikel 1 zitiert: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Beruhigend für Deutschland und seine Nachbarn.