über Europas Geschichte
10/26/2013

Nie wieder Krieg – im vereinten Europa

Vor 100 Jahren, 1913, glaubte niemand an Krieg. Ein Jahr später, im Sommer 1914, brannte die Welt.

von Helmut Brandstätter

Wir Europäer haben in der Mehrheit aus der Geschichte gelernt. Hoffentlich.

Dr. Helmut Brandstätter | über Europas Geschichte

Vor 58 Jahren, am 26. Oktober 1955, beschloss der Nationalrat die immerwährende Neutralität Österreichs. Das feiern wir am Nationalfeiertag, auch wenn man uns in der Schule erzählt hat, da habe der letzte Besatzungssoldat unser Land verlassen. Das ist eine liebe Geschichte, freilich auch ein schönes Bild zur Festigung eines rot-weiß-roten Patriotismus.

Zehn Jahre nach der Befreiung konnte Österreich seine Unabhängigkeit demonstrieren. Zwei Weltkriege hatten 80, vielleicht gar 100 Millionen Menschenleben vernichtet, in Österreich hatte ein Bürgerkrieg dazwischen auch noch die innere Struktur der Gesellschaft zerstört.

Dabei hätte sich vor 100 Jahren niemand vorstellen können, dass es zu einem großen Krieg kommt. Im kältesten Sommer des Jahrhunderts, den Florian Illies in seinem Buch „1913“ beschreibt, reden alle über die Thesen des Briten Norman Angell: Weltkriege könne es nicht geben, weil die Staaten wirtschaftlich zu eng miteinander verbunden seien.

Angell hatte leider nicht recht. Nach dem Attentat von Sarajewo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand stellte Wien den Serben ein Ultimatum und erklärte schließlich am 28. Juli 1914 den Krieg.

Die Schuldfrage beschäftigt seither die Historiker. War es der greise Kaiser Franz Joseph, der den Balkan endgültig unter seine Kontrolle bringen wollte? Oder der deutsche Monarch Wilhelm II., der über Jahre seine Flotte aufgerüstet hatte? Oder doch der russische Zar Nikolaus II., der die Osmanen schwächen wollte? Oder stimmt die These, die der britische Historiker Christopher Clark jetzt im Titel seines neuen Buches „Die Schlafwandler“ aufstellt? Laut Clark war der Erste Weltkrieg „eine Tragödie, kein Verbrechen“. Clark: „Die Krise, die im Jahr 1914 zum Krieg führte, war die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur. Multipolar, interaktiv, das komplexeste Ereignis der Moderne.“

Vereinigte Staaten

Sicher ist, dass ausgerechnet Thronfolger Franz Ferdinand vor seiner Ermordung an einer Lösung für das Problem der Nationalitäten im Habsburgerreich arbeitete: Die „Vereinigten Staaten von Groß-Österreich“, ein föderales System gleichberechtigter Staaten.

Zwei Weltkriege später haben wir ein Europa, wo die Verschiebung von Grenzen nur mehr von völlig Verrückten thematisiert wird, wo Nationalismus in den Fußballstadien zelebriert wird, und wo es endlich Institutionen gibt, wo geredet, oft auch gestritten wird, aber nicht über Grenzen oder militärische Aufmarschpläne.

Ist die Europäische Union die Vorstufe zum Paradies? Sicher nicht. Sie ist das Produkt von nationalen Politikern, die wiedergewählt werden wollen und Vorteile für ihr Land suchen. Die aber auch wissen, dass alle Staaten auf einen halbwegs fairen Ausgleich der Interessen angewiesen sind. Wenn FPÖ-Chef Strache in dieser Woche der EU vorwirft, „wie eine global organisierte Räuberbande“ zu agieren, dann hat er aus der Geschichte gar nichts gelernt. Oder er setzt wirklich nur darauf, die Leute zu verhetzen. Beides keine guten Voraussetzungen für einen Politiker in schwierigen Zeiten.

Wir Europäer haben in der Mehrheit aus der Geschichte gelernt. Hoffentlich. Alles andere wäre der Weg in die nächste Katastrophe.

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