über Europas Leitkultur
10/17/2015

Leitkultur? Brauchen wir, aber welche?

Wer hier leben will, muss Demokratie, Gleichheit der Menschen und Toleranz anerkennen. Ohne Kompromiss.

von Helmut Brandstätter

Es ist ja interessant, dass Diskussionen über die eigene Identität erst bei einer möglichen Gefährdung aufkommen.

Dr. Helmut Brandstätter | über Europas Leitkultur

Das Buch "Europa ohne Identität?" ist mittlerweile vergriffen, der Begriff " Leitkultur", den Bassam Tibi im Jahr 1998 darin prägte, ist aber plötzlich wieder aktuell. Der deutsche Professor mit syrischen Wurzeln schrieb damals: "Integration erfordert, in der Lage zu sein, eine Identität zu geben. Zu jeder Identität gehört eine Leitkultur." Zum politischen Gezänk wurde das Thema, als der CDU-Spitzenpolitiker Friedrich Merz im Jahr 2000 eine "freiheitlich-demokratische deutsche Leitkultur" forderte und das Magazin Der Spiegel mit dem Titel: "Operation Sauerbraten" dagegen polemisierte. Aber schon damals ging es darum, wie sich eine Gesellschaft durch Zuwanderung verändert, wonach sie sich orientiert und welche Grundlagen des Zusammenlebens sie für sich definiert. Es ist ja interessant, dass Diskussionen über die eigene Identität erst bei einer möglichen Gefährdung aufkommen. Jetzt, angesichts Hunderttausender Flüchtlinge, sind diese Fragen zu wichtig, um sie zu einer Polemik über Begriffe verkommen zu lassen.

Es gibt sie, die Europäische Leitkultur

Bassam Tibi glaubte schon damals an eine europäische Leitkultur, die auf den Grundsätzen der Aufklärung aufbauen müsse: Vernunft, Demokratie, Toleranz, Pluralismus. Das ist schon die erste Herausforderung: Definieren wir uns in Europa noch immer über nationale Identitäten – oder ist das Erbe der Aufklärung nicht wichtiger? Nach zwei Kriegen, Holocaust, Vertreibungen und Stacheldraht sollte die Antwort einfach sein. Der Nationalstaat ist kein Zukunftskonzept, und es ist gar nicht so schwierig, Zuwanderern eine inzwischen gewachsene europäische Identität zu erklären: Die europäischen Völker haben erlebt, wie übersteigerter Nationalismus, verbunden mit materieller Not, zu Krieg und Zerstörung führen. Wir haben mit Mühsal und Rückschlägen eine Ordnung errichtet, in der die Menschenrechte eingeklagt werden können, in der man dafür demonstrieren kann, anders zu sein, in der jeder seinen Glauben so lebt, wie er will, in der Politiker abgewählt und korrupte auch eingesperrt werden. Das alles funktioniert nicht perfekt, aber auch darüber kann man offen sprechen.

Die europäische Leitkultur der schmerzlichen Erfahrungen und der gelebten Aufklärung ist eine vorzeigbare Identität, die Zuwanderern zeigen kann, in welche Gesellschaft sie sich integrieren müssen. Aber dann müssen wir sie auch selbst ernst nehmen. Wer von einem Neuankömmling erwartet, dass er die Gleichheit von Mann und Frau anerkennt, muss hier auch gleiche Löhne bezahlen. Wer fordert, dass Zuwanderer die Gleichheit aller Menschen akzeptieren, darf nicht die Errungenschaft der Menschenrechtskonvention infrage stellen. Und wer für Religionsfreiheit eintritt, muss jedem zugestehen, dass er seinen Glauben lebt.

Es gibt eine europäische Leitkultur, sie ist die Grundlage unseres Zusammenlebens und muss es bleiben – für jeden, der hier leben will.

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