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03.12.2017

Bildung macht Freude: Wer sagt’s endlich?

Leider niemand. Es geht in der Debatte vor allem um Zwangsmaßnahmen. Dabei lernen Kinder sehr gerne.

Lernen macht Freude und verbindet. Oder geht es doch um Aus - und Abgrenzung?

Dr. Helmut Brandstätter | über die Bildungsdebatte

Von allen natürlichen Anlagen, die jeder Mensch mitbekommt, ist die Lust am Lernen besonders ausgeprägt und schön zu beobachten. Schon Babys mustern neugierig ihre Umwelt, sobald sie krabbeln können, wollen sie jede Ecke des Raumes erforschen. Kleinkinder stellen ständig Fragen, weil sie einfach alles wissen wollen, was sich rund um sie tut. Und fast alle Sechsjährigen freuen sich auf die Schule, Ausnahmen kommen nur dort vor, wo ältere Geschwister von schlechten Erfahrungen aus der Schule berichten.

Und was haben wir diese Woche nach den Verhandlungen gehört? Es braucht mehr Zwangsmaßnahmen, Noten, Strafen und ein Ende des "linken Schulsystems", das nicht mehr auf Leistung gesetzt habe. Dass sich ausgerechnet Politiker so äußern, deren Leistungsfähigkeit auch hinterfragt werden kann, lässt einen im besten Fall schmunzeln.

Dabei sind bei den Plänen der neuen Regierung durchaus positive Ideen zu vermerken. Das zweite Kindergartenjahr ist dringend notwendig, die Aufwertung der Kindergartenpädagoginnen überfällig, und auf verschränkte Ganztagsschulen warten wir schon lange. Auf deren Finanzierung werden wir hoffentlich nicht weiter warten müssen. Denn schon im Programm "Österreich 2025 – Land der Erfolge" wird ganztätiges Lernen gefordert. Es stehen in dem von Michael Spindelegger angeregten und von vielen hervorragenden Experten ausformulierten Programm noch andere, grundsätzlich richtige Ideen. Kinder aus benachteiligten Familien müssten stärker gefördert werden, Durchlässigkeit und Transparenz müssten jede Schule auszeichnen. Und: Nur die Besten dürfen Lehrer werden. Leider ist diese Schrift den einen Verhandlern zu "ÖVP-alt", den anderen zu links. Ideologie dominiert noch immer unsere Bildungsdebatte. Viele sich elitär wähnende Sturköpfe wollen nicht wahrhaben, dass auch sie darunter leiden, wenn zu viele Kinder einfach zurückgelassen werden.

Goethe und Beethoven machen glücklich

Und wo ist ein Politiker, der Worte findet, wie sie der französische Staatspräsident Emmanuel Macron formuliert hat: "Jeder junge Mensch, egal wo er geboren ist, muss Zugang zur französischen Literatur, zu Goethe und Beethoven haben, das ist Exzellenz." In der Literatur könne man auch positive Helden finden, so Macron, und schließlich: "Kultur ist ein soziales Bindemittel."

Die Menschen sind sehr unterschiedlich. Die einen Schüler freuen sich, wenn sie nach intensivem Nachdenken eine mathematische Formel verstehen, andere spüren Selbstbewusstsein,wenn sie sich auf Reisen in der Landessprache verständigen können. Auch Latein verstehen oder sich in ein Rilke-Gedicht einfühlen, kann aufbauend sein. Das Verständnis der Geschichte schließlich fördert das Zusammenleben und den Respekt in einer bunten Gesellschaft, wie wir sie nun einmal haben.

Werden wir wie die Kinder, lernen macht Freude und verbindet. Oder geht es doch um Aus - und Abgrenzung?