Der "Trumpismus" ist gefährlicher als Trump

Demokratiemüdigkeit und Abstiegsängste machen auch hierzulande anfällig für autoritäres Erlösergehabe.
Josef Votzi

Josef Votzi

Demokratiemüdigkeit und Abstiegsängste machen auch hierzulande anfällig für autoritäres Erlösergehabe.

von Josef Votzi

über Donald Trump

Donald Trump im Weißen Haus? Wer vor einem Jahr darauf Wetten abschloss, war auf der Gewinner-Seite. Denn bis zuletzt setzte die Mehrheit auf einen Wahlsieg Hillary Clintons.

Dieser Tage häufen sich nun die Prognosen, wie lange sich der US-Präsident noch im Amt hält. Sein Ex-Ghostwriter, Tony Schwartz, prophezeit, Trump werde noch heuer mit großer Geste abdanken – bevor ihm der US-Sonderermittler in der Russlandaffäre keine andere Wahl lasse. Der US-Filmemacher und linke Aktivist Michael Moore hingegen glaubt, dass Trump auch die Wiederwahl 2020 gewinnt. "The Donald" sei trotz miserabler US-weiter Umfragen in den Schlüsselstaaten seines ersten Wahlerfolgs beliebter denn je. Kommenden Mittwoch jährt sich die Wahl Trumps zum ersten Mal. Gefühlt ist er schon weitaus länger an der Macht – zumal der US-Präsident, bevorzugt per Twitter, anfangs täglich, für neue Aufregung sorgte. Viel Lärm um wenig: Mit seinen ersten großen Plänen – vom Aus für Obamacare bis zum Einreisestopp von Muslimen – ist er gescheitert. Es ist zu hoffen, dass die Recht haben, die sagen: Der Schaden werde sich auch weiterhin in Grenzen halten. Es gibt aber noch keinen Grund zur endgültigen Entwarnung.

Starker Mann, schwacher Demokratieglaube

Trump ist kein Unfall. Er ist die Karikatur eines Gespenstes, das auch in Europa umgeht: Die Wiederkehr des starken Manns. Im Gefolge von Globalisierung und Migrationswellen glauben immer mehr Menschen, dass sich ihre Lebenschancen verschlechtern und nicht verbessern. Sie sind anfällig dafür, ihr Heil in einem starken Mann zu suchen, der ihre Sehnsucht nach Stolz mit patriotischen Parolen befriedigt.

Dazu kommt hierzulande eine wachsende Demokratiemüdigkeit, die ungleich dramatischer ist als die gängige Parteienverdrossenheit: Vor rund zehn Jahren sagte in Österreich noch jeder Zehnte, in der Politik brauche es einen starken Mann. Im Vorjahr war es mit 40 Prozent schon bald die Mehrheit. Offen bleibt, ob ein ordinär polternder Typ wie Trump bei uns mehrheitsfähig wäre. Der jüngst von Kanadas Premier Justin Trudeau in die Welt gesetzte Vergleich von Sebastian Kurz mit Donald Trump ist zwar absurd lächerlich. Eine Regierung, die das Land aber nicht weiter ins Zeitalter des Autoritären abdriften lassen will, muss die Demokratiemüdigkeit als politisches Krebsübel ernst nehmen. Und als Therapie etwas anderes anbieten als eine "Volksgesetzgebung". Denn die türkis-blauen Pläne, künftig mit ein paar hunderttausend Unterschriften Volksabstimmungen erzwingen zu können, verheißen permanente Wahlkampfstimmung und Politik by Medienkampagnen. Ein Land, in dem der Boulevard immer mehr den Ton anzugeben sucht, ist dafür besonders anfällig. Ein Jahr nach Trumps Einzug ins Weiße Haus ist auch hierzulande mehr denn je ein Gegenrezept zum grassierenden Trumpismus gesucht: Für einen reifen demokratischen Umgang auf Augenhöhe statt autoritärem Erlösergehabe.

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