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15.04.2017

Bei uns hat Erdoğans Ungeist längst obsiegt

Der schrille Wahlkampf leuchtete die Parallelwelt der Türken neu aus. Wer weiter wegschaut, macht sich mitschuldig.

Bei uns hat Erdogans Ungeist längst obsiegt. Wer weiter wegschaut, macht sich mitschuldig.

Josef Votzi | über Österreichs Türken und die Erdogan-Abstimmung

Das wird kein Ostersonntag wie viele andere: Nicht nur deswegen, weil manchem das Wetter den obligaten Osterspaziergang vermiesen könnte. Morgen, Sonntag, entscheiden 55 Millionen Türken, ob ihr Land endgültig Richtung autokratisches Regime kippt. Und damit die Erdoğans, Orbáns und Trumps noch mehr das politische Großklima prägen.

Für Österreichs rund hunderttausend wahlberechtigte Türken war schon vor einer Woche Wahlschluss. Frühere Ergebnisse signalisieren, dass Erdoğan bei uns einen haushohen Sieg eingefahren hat. Die schrille Begleitmusik rund um den Wahlgang zwischen heimischen Erdoğan-Fans und -Gegnern legt schmerzhaft offen, was lange massiv verdrängt wurde.

Skandalöse Szenen einer Parallelwelt

Zwischen vielen Zuwanderern mit türkischen Wurzeln liegen selbst in der dritten Generation noch Welten. Der KURIER hat in einer zweiwöchigen Serie versucht, der Frage nachzugehen, warum bei "Unseren Türken" die Kluft zwischen politisch gewünschter Integration und real existierender Parallelwelt noch immer riesengroß ist. Wir haben gelernt, dass sich die Sozialpartner zwar einst rasch darauf einigten, türkische Gastarbeiter anzulocken. Anfang der 70er-Jahre kamen bis zu 10.000 Türken jährlich als billige und willige "Hackler" neu ins Land. Sie wurden erst herbeigesehnt, dann aber nachhaltig ignoriert.

In diese Lücke stießen erfolgreich türkische Kultur- und Moscheevereine. Sie bieten in Österreich lebenden Neubürgern auch Jahrzehnte danach eine türkische Oase und sorgen für Schutz und Hilfe von der Wiege bis zur Bahre. Von langer Hand aus Ankara gesteuert, wird vor unser aller Augen eine Parallelwelt einzementiert.

Junge Türken haben selbst in der dritten Generation wenig Chance, Fuß zu fassen und sozial aufzusteigen. "Es gibt türkische Kinder, die von Schulschluss Freitagmittag bis Montagfrüh kein einziges Wort Deutsch sprechen oder hören", prangert die couragierte Wiener Mittelschul-Direktorin Andrea Walach im KURIER an: "Sie haben nach den Ferien größere Sprachdefizite als davor, weil sie den ganzen Sommer in der Türkei verbringen."

Eine 28-jährige Türkin sprach unter dem Schutz der Anonymität im KURIER offen darüber, dass sie in einer Großstadt wie Wien gezwungen ist, in einem subtilen Gefängnis zu leben – weil Mann und Schwiegereltern sie hindern, Deutsch oder gar einen Beruf zu erlernen.

Schluss mit gut gemeinten Ausreden

Das sind skandalöse Realitäten, die endlich die Politik für intelligente Gegenmaßnahmen auf den Plan rufen muss. Es mag gute Gründe dafür geben, dass viele Politiker abseits der FPÖ jüngst wider ihre Natur handelten. Sie hielten sich bei brisanten aktuellen Themen wie illegalen türkischen Doppel-Staatsbürgern auf Nachfrage bewusst zurück. Ab morgen gilt die gut gemeinte Ausrede nicht mehr, man wolle kein Öl ins Feuer gießen und so Erdoğan vor dem Referendum nolens volens helfen. Ab sofort ist eine offene Auseinandersetzung über einen anderen und besseren Umgang mit "Unseren Türken" überfällig. Der KURIER wird mit gutem Beispiel vorangehen und es nicht bei einer großen Serie aus Reportagen, Analysen und Interviews belassen. "Unsere Türken" stehen weiter ganz oben auf unserer journalistischen Prioritätenliste.