Meinung | Kommentare | Innenpolitik
10.09.2017

Bei dieser Wahl ist noch fast alles möglich

Das Ringen der Kleinparteien ums Überleben könnte den Zieleinlauf der Großen noch gehörig aufmischen.

Bei dieser Wahl gilt das Prinzip Lotto light: Es ist noch fast alles möglich.

Josef Votzi | über Umfragen und dirty tricks der Parteistrategen

Alexander Van der Bellen fiele wohl nur ein Vokabel ein: "Arschknapp". Der langjährige Grünen-Chef ist zwar längst den Niederungen der Parteienwelt entrückt. Kümmerliche 5 Prozent misst die jüngste OGM-Umfrage den Grünen zu. Das wird VdB auch hinter den Kulissen der Hofburg nicht kalt lassen. Er übergab eine Partei, die zuletzt wiederholt für zweistellige Prozentergebnisse gut war.

Die Grünen sind im Ringen ums politische Sein oder Nicht-Sein nicht allein. Sie liefern mit Neos und der Liste Pilz auf Augenhöhe einen Dreikampf um die hintersten Plätze. Der Ausgang entscheidet nicht nur über das Schicksal der Kleinparteien. Das kann auch die Reihenfolge und den Abstand zwischen Schwarz-Türkis, Rot und Blau beim Zieleinlauf noch einmal gehörig durcheinanderwürfeln. Fällt eine oder gar mehrere der Kleinparteien unter die Überlebenshürde von vier Prozent, geht sie bei der Verteilung der Mandate leer aus. Die Beute wird unter den Siegern verteilt.

Die Angst vor dem D-Wort geht um

Fünf Wochen vor der Wahl gilt so das Lotto-Prinzip light: Fast alles ist noch möglich. Für die Parteistrategen ist das alles andere als ein Geheimnis. Umfragen gehören für sie zum täglichen Handwerkszeug. Danach justieren sie auch ihre Kampagnen, tarieren sie ihre Medien-Botschaften und spitzen ihre offenen Angriffe und Heckenschützen-Attacken auf den politischen Gegner zu.

Die größte Angst, die jetzt vor allem bei Schwarz-Türkis und Rot umgeht, ist die vor dem D-Wort, der Demobilisierung. Vor diesem Hintergrund ist auch der jüngste Alarmruf von Christian Kern (Ich oder das schwarz-blaue Chaos ) zu deuten. Der Kanzler fürchtet, dass Umfragen, die ihn weit hinter Kurz und im Zweikampf mit Strache um Platz 2 ausweisen, der SPÖ im Kampf um unentschlossene Wähler schaden, also demobilisieren.

Das Team um Sebastian Kurz sucht zudem mit listiger Inszenierung einen Keil zwischen die roten Spitzen zu treiben. Harmonische Bilder von gemeinsamen Auftritten und Interviews mit Hans Peter Doskozil wie jüngst von einem EU-Routinetreffen aus Tallin sollen subtil signalisieren: Da macht ein Roter schon die Rechnung für die Ära nach Kern.

Das ist Demobilisierung wie aus dem Lehrbuch: Gegen die Kraft solcher Bilder soll die Kern-Ansage zu einer leeren Phrase verblassen: "Wenn ich nicht Erster werde, kommt Schwarz-Blau". Wahlkampf ist die Zeit des Tarnen, Tricksens und Täuschens im Lichte der jüngsten Umfragen. Der KURIER wird seine Leser bis zur Wahl regelmäßig mit OGM-Umfragen auf den Laufenden halten. Denn wer weiß, wie wessen Gewinnchancen gerade stehen, weiß auch die jüngsten Ablenkungsmanöver und Rempeleien auf den letzten Kilometern im Wahlkampf-Marathon besser zu deuten und zu bewerten.

Mehr darüber können Sie in meinem jüngsten Newsletter "Die Wahl-Wochenschau" nachlesen. Kostenlos zu bestellen hier