über die Spiele in Sotschi
02/08/2014

Die Verlogenheit der Debatte um Sotschi

Warum müssen Sportler und Sportfreunde für (sport-)politische Nicht-Entscheidungen büßen?

von Andreas Schwarz

Warum müssen Sportler und Fans für (sport-)politische Nicht-Entscheidungen büßen?

Andreas Schwarz | über die Spiele in Sotschi

Darf man sich eigentlich auf ein Sportfest freuen, über dem ein solcher Schatten liegt wie über diesem?“ So fragt die renommierte deutsche Zeit rechtzeitig zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi und gibt den Milliarden Fernsehzuschauern der kommenden Tage gleich die Antwort: „Anschauen: ja. Aber unbefangen? Nein.“ – Und was ist mit dem Schatten der verlogenen politischen Debatte, der seit Wochen über dem Sportereignis liegt?

Keine Frage: Wladimir Putin hat sich mit den Spielen, die so teuer sind wie alle bisherigen Winterspiele zusammen, ein Denkmal gesetzt. Russland ist ein knappes Vierteljahrhundert nach Zerfall der Sowjetunion auf der Suche nach vergangener Größe und Respekt vor seinem Gewicht. Und es hat die Schmach der von den USA boykottierten Sommerspiele 1980 noch nicht vergessen. Das Milliardenspektakel unter Palmen, das der Welt zeigen soll, was und dass Russland alles kann, ist mehr als nur eine symbolische Genugtuung. Aber das hat man auch schon bei der Vergabe der Spiele an Sotschi gewusst.

Keine Frage auch, dass Putin nur in den Augen derer, die von seinem Geld profitieren, ein „lupenreiner Demokrat“ (© Alt-Kanzler Gerhard Schröder) ist. Die jüngste Amnestie von Putin-Gegnern macht seine Bilanz in Sachen Menschenrechte nicht weniger trüb. Mundtot gemachte Kritiker, Unterdrückung von Minderheiten, willkürlich gebogenes Recht, dazu die Erpressung von Staaten in der Einflusssphäre Moskaus (Beispiel: Ukraine) zu Linientreue, von der Unterstützung fragwürdiger Regime in der Welt nicht zu reden – Russland ist ungefähr so demokratisch wie Wodka alkoholfrei.

Auch das war bei der Vergabe der Spiele bekannt.

Das berühmte „Zeichen-Setzen“

Warum reagiert die politische Welt also, gesamt betrachtet, wie unter Alkoholeinfluss? Einige Staats- und Regierungschefs wie Joachim Gauck oder François Hollande fahren demonstrativ nicht hin, sagen aber nicht, warum nicht. Wenige, die man dort ohnehin nicht erwartet hat (EU-Kommissarin Vivian Reding), sagen, warum sie nicht fahren. Und viele, wie unser Kanzler, fahren („Es wäre falsch, die Athleten nicht zu unterstützen“) – Zeichen könne man auch anders setzen. Nur vor Ort setzt natürlich nie jemand irgendwas, außer Gesten der Höflichkeit.

Ja, Zeichen kann man setzen. Indem sich die Welt, das IOC, Sponsoren und wirtschaftliche Profiteure von Sport-Großereignissen vorher überlegen, wo diese stattfinden dürfen und wo nicht (viel Spaß bei der Grenzziehung – scheiden die USA wegen ihrer Abhörmanie künftig aus, und wie war das nochmal mit der Todesstrafe dort? Darf China, it’s the economy, stupid!, weiter gestreichelt werden?). Oder man kommt zum Schluss, dass Politik und Spiele zu trennen sind, Punkt.

Sportler und Sportfreunde aber in Geiselhaft dieser Nicht-Entscheidung zu nehmen, geht gar nicht. Daher dürfen die die Spiele als das nehmen, was sie ursprünglich sein sollten: Ein völkerverbindendes Fest der besten Athleten der Welt. Über das man sich freuen kann. Unbefangen. Trotz Schatten.

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